Warum stürzt die Biogen-Aktie nach den historisch guten Studiendaten zum neuen Alzheimer-Hoffnungsträger Diranersen plötzlich so drastisch ab?
Wie schlägt sich der neue Biogen Alzheimer Hoffnungsträger?
Auf der diesjährigen Alzheimer’s Association International Conference (AAIC) präsentierte Biogen Inc. die detaillierten Ergebnisse der Phase-2-Studie CELIA. Im Fokus stand der Wirkstoff Diranersen, ein sogenanntes Antisense-Oligonukleotid (ASO), das gemeinsam mit dem Partner Ionis Pharmaceuticals entwickelt wird. Die Therapie setzt an einem entscheidenden Punkt an: Sie zielt auf das Tau-Protein ab, welches für die charakteristischen Ablagerungen und Nervenschädigungen im Gehirn von Erkrankten verantwortlich gemacht wird.
Die Daten der Studie zeigen, dass Diranersen über einen Zeitraum von 18 Monaten bei allen untersuchten Dosierungen eine spürbare Wirksamkeit entfalten konnte. Besonders die Dosis von 60 Milligramm, die alle sechs Monate verabreicht wurde, stach heraus. Hier verlangsamte sich der kognitive Verfall, gemessen auf der klinischen Demenz-Bewertungsskala CDR-SB, im Vergleich zu Placebo um signifikante 26 Prozent. Auch bei weiteren wichtigen Messgrößen wie ADAS-Cog13 und MMSE zeigte sich eine Verlangsamung des Verfalls um 42 beziehungsweise 50 Prozent.
Warum ist der Ansatz von Biogen Alzheimer so innovativ?
Bisherige am Markt zugelassene Medikamente wie Leqembi, das von Biogen und Eisai vertrieben wird, oder Kisunla von Eli Lilly konzentrieren sich primär auf den Abbau von Amyloid-Beta-Plaques. Diranersen geht als erste Tau-gerichtete Therapie einen anderen Weg. Der Wirkstoff verringert nicht nur die Neuproduktion des schädlichen Proteins, sondern baut laut den Studienergebnissen auch bereits im Gehirn vorhandene Tau-Tangle-Strukturen ab. Experten wie Cath Mummery vom UCL Queen Square Institute of Neurology sprechen von den überzeugendsten Daten, die in diesem Bereich der Arzneimittelentwicklung bislang vorgelegt wurden.
Durch die unterschiedlichen Wirkmechanismen spekulieren Branchenkenner bereits über künftige Kombinationstherapien. Da die meisten Patienten sowohl unter Amyloid- als auch unter Tau-Ablagerungen leiden, könnte eine kombinierte Verabreichung beider Ansätze die Behandlung von Alzheimer revolutionieren. Zudem bietet Diranersen einen praktischen Vorteil: Da es nur alle sechs Monate per Lumbalpunktion verabreicht werden muss, entfallen die häufigeren Infusionen, die bei reinen Amyloid-Therapien notwendig sind.
Wie reagiert die Aktie auf die Studienergebnisse?
Obwohl die medizinischen Daten der Studie als großer Erfolg gewertet werden, reagierte der Aktienmarkt am Dienstag mit deutlichen Abschlägen. Die Aktie von Biogen Inc. verlor im Handelsverlauf rund 8,68 Prozent und notierte bei 190,88 US-Dollar. Damit verzeichnete das Papier den größten prozentualen Tagesverlust seit März 2026 und rutschte wieder unter die wichtige Ausbruchsmarke von 202,41 US-Dollar.
Marktbeobachter führen den Kurssturz darauf zurück, dass die Daten bei einigen Investoren noch offene Fragen bezüglich der optimalen Dosierung hinterlassen haben. Höhere Dosen führten in der CELIA-Studie überraschenderweise nicht zu einer stärkeren Verlangsamung des kognitiven Verfalls. Dennoch bleibt die Aktie im Jahresvergleich gut im Rennen und liegt trotz des aktuellen Rückschlags rund 9,8 Prozent im Plus. Der Abstand zum 52-Wochen-Tief von 122,68 US-Dollar aus dem Juli 2025 ist weiterhin komfortabel.
Wann startet die entscheidende Phase-3-Studie?
Die Magnitude der Tau-Reduktion und des kognitiven Nutzens, die in der CELIA-Studie beobachtet wurden, gehört zu den überzeugendsten Ergebnissen, die bislang in der Alzheimer-Forschung berichtet wurden.— Cath Mummery
Aufgrund der konsistenten Ergebnisse aus den bisherigen Studienphasen plant das Management von Biogen, den Wirkstoff zügig in die entscheidende Phase-3-Entwicklung zu überführen. Diese konfirmatorische Phase ist der letzte große Schritt vor einer möglichen Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA, die Diranersen bereits im vergangenen Jahr den Fast-Track-Status erteilt hat. Da Biogen die weltweiten Exklusivrechte für die Vermarktung hält, könnte das Medikament bei einem Erfolg in der Spätphase zu einem extrem wichtigen Umsatztreiber für das Biotech-Unternehmen werden.



