Wie schafft es Amazon.com, Inc., mit AWS-Gewinnen, massiven KI-Investitionen und neuen Superstores gleichzeitig zu wachsen? Der Konzern baut seine Cloud- und Handelsstrategie radikal um – und Anleger fragen sich, wie viel Potenzial noch im Kurs steckt.

Amazon Strategie: Wo liegt jetzt der Wachstumskern?
Amazon.com, Inc. dominiert mit rund 38 Prozent Marktanteil den US-Onlinehandel, doch der eigentliche Gewinnmotor ist längst die Cloud-Sparte AWS. Im jüngsten Quartal steuerte AWS rund 65 Prozent des operativen Ergebnisses bei und wuchs währungsbereinigt um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr – nach zuvor 17 Prozent. Trotz Lieferengpässen bei Rechenleistung kann der Konzern die starke Nachfrage nach Cloud- und KI-Diensten nur begrenzt bedienen, was die strategische Bedeutung der aktuellen Investitionswelle unterstreicht.
Die Amazon Strategie setzt dabei auf Skaleneffekte: Mit rund 691 Milliarden US‑Dollar Umsatz auf Zwölfmonatsbasis und 130 Milliarden US‑Dollar operativem Cashflow verfügt der Konzern über enorme finanzielle Feuerkraft. Diese Mittel fließen vorrangig in neue Rechenzentren und KI-Infrastruktur, um künftige Nachfrage zu sichern und die hohe Profitabilität von AWS zu stützen. Analysten rechnen im Schnitt mit langfristigen Gewinnzuwächsen von 18 bis 19 Prozent pro Jahr.
Wie stark investiert Amazon in KI und Cloud?
Ein Kernbaustein der Amazon Strategie ist der beschleunigte Ausbau der globalen Rechenzentrumsbasis. Das Unternehmen plant, zusätzlich 3,8 Gigawatt an Rechenzentrumsleistung aufzubauen – eine direkte Antwort auf den sprunghaften Bedarf durch KI-Anwendungen, die enorme Strom- und Rechenressourcen beanspruchen. Die Kombination aus hohem Cashflow und margenstarkem AWS-Geschäft erlaubt es Amazon, diese Investitionen ohne aggressive Verschuldung zu stemmen.
Parallel sichert sich AWS zunehmend strategische Lieferketten. So hat die Cloud-Sparte eine zweijährige Vereinbarung mit Rio Tinto geschlossen, um Kupfer aus der Nuton-Bioleaching-Technologie für US-Rechenzentren zu beziehen. Im Gegenzug stellt AWS Daten- und Analyseplattformen zur Optimierung des Prozesses bereit. Kupfer ist ein kritischer Rohstoff für Rechenzentren, erneuerbare Energien und Hochleistungs-Hardware für KI – ein Hinweis darauf, wie tiefgreifend die Amazon Strategie inzwischen auf Versorgungssicherheit und vertikale Integration abzielt.
An der Börse unterstreichen Experten das Potenzial: Morgan Stanley verweist auf das beschleunigte Umsatzwachstum und die steigende Bedeutung des Cloud- und Werbegeschäfts für die Profitabilität. Evercore ISI-Analyst Mark Mahaney sieht in der beschleunigenden Umsatzdynamik bei Amazon ein zentrales Argument für weiteres Kurspotenzial 2026 und darüber hinaus.

Sind Amazons neue Superstores der nächste Gamechanger?
Neben Cloud und KI rückt der stationäre Handel wieder stärker in den Fokus der Amazon Strategie. Auch wenn noch rund 80 Prozent des gesamten Einzelhandels offline stattfinden, kommt Amazon im US-Lebensmittelmarkt bislang nur auf etwa 3 Prozent Marktanteil, inklusive Whole Foods. Dem gegenüber steht Branchenprimus Walmart mit rund 21 Prozent. Um diese Lücke zu verkleinern, bereitet Amazon nun eine besonders aggressive Expansion im stationären Handel vor.
Herzstück ist ein geplanter 230.000-Quadratfuß-Superstore im Vorort Orland Park bei Chicago – größer als ein typischer Walmart-Supercenter. Die Filiale soll Lebensmittel, Haushaltswaren und General Merchandise unter einem Dach bündeln und voraussichtlich als Drehkreuz für Same-Day-Lieferungen und Click-&-Collect dienen. Etwa die Hälfte der Fläche ist für den klassischen Einkauf vorgesehen, die andere Hälfte für automatisierte Kommissionierung und Mikro-Fulfillment, was die Verzahnung von Online- und Offline-Handel demonstriert.
Begleitet wird dieser Ansatz durch Tests von Store-in-Store-Konzepten bei Whole Foods, wo automatisierte Mikro-Fulfillment-Zonen mit QR-basierten Zusatzbestellungen kombiniert werden. Investoren sehen darin den Versuch, Amazons E‑Commerce-Kompetenz in den physischen Handel zu übertragen und sich im fast eine Billion US‑Dollar schweren Lebensmittelmarkt besser zu positionieren.
Wie bewerten Analysten die Amazon Aktie aktuell?
Die aktuelle Börsenbewertung reflektiert die Ambitionen der Amazon Strategie, ist im historischen Vergleich jedoch nicht extrem. Bezogen auf den Kurs zu Cashflow aus operativer Tätigkeit liegt das Multiple bei rund 19,2 und damit unter dem 20‑Jahres-Durchschnitt von etwa 27. Prognosen gehen von einem starken Anstieg des freien Cashflows aus – von rund 21 Milliarden US‑Dollar im Jahr 2025 auf bis zu 141 Milliarden US‑Dollar 2029. Kostensenkungen im Handelsgeschäft und höhere Margen bei AWS und Werbung sollen dabei helfen.
Gleichzeitig verweisen Strategen auf Chancen und Risiken: 24/7 Wall St. skizziert für 2030 Szenarien von 77 US‑Dollar je Aktie im Bären- bis 431 US‑Dollar im Bullenfall, abhängig von der Durchsetzungskraft von AWS, der Performance im Lebensmittelhandel und der Wettbewerbsposition gegenüber Microsoft und Alphabet in der Cloud. Optionsdaten zeigen derzeit rege Aktivitäten großer Adressen in Amazon-Derivaten, was auf ein erhöhtes Interesse professioneller Anleger an kurzfristigen Kursbewegungen schließen lässt.
Mit Blick auf den stationären Ausbau beobachtet Morgan Stanley insbesondere die Dynamik im Lebensmittelsegment, während Prologis-Analysen darauf hinweisen, dass Amazons zunehmende Immobilienkäufe die Bedeutung klassischer Logistikvermieter verändern könnten. Insgesamt bleibt die Amazon Strategie klar auf Skalierung, Effizienz und Diversifikation ausgerichtet.
Die Amazon Strategie verbindet beschleunigtes AWS-Wachstum, hohe Investitionen in KI-Infrastruktur und eine neue Offensivlinie im Lebensmittelhandel zu einem stringenten Wachstumsplan. Für Anleger bedeutet das eine Mischung aus hoher Ertragsdynamik und erhöhter Investitionsintensität, die sich vor allem im freien Cashflow der nächsten Jahre niederschlagen dürfte. Entscheidend wird sein, ob Amazon die ambitionierten Cloud- und Superstore-Pläne operativ sauber umsetzt – gelingt das, könnte die Aktie auch von der aktuellen Bewertung aus weiteren Spielraum nach oben haben.