Kann Airbus das wachsende Lieferkettenrisiko im Iran-Konflikt abfedern – oder droht ein neuer Produktionsstau bei Schlüsselprogrammen?
Wie groß ist das Airbus Lieferkettenrisiko?
Das unmittelbare Problem liegt auf zwei Ebenen. Erstens könnten wichtige Kunden in der Golfregion geplante Übernahmen neuer Jets strecken. Gerade Emirates, Etihad und Qatar Airways zählen zu den bedeutenden Abnehmern von Airbus und Boeing. Wenn Flugpläne wegen der Sicherheitslage eingeschränkt bleiben, steigt das Risiko späterer Auslieferungen. Zweitens wird das Airbus Lieferkettenrisiko in der Produktion selbst sichtbarer. Airbus hatte bereits im Februar geplante Produktionssteigerungen bei A320 und A220 teilweise zurückgenommen, weil Triebwerke fehlten. Nun kommt die Sorge hinzu, dass auch bei Composite-Materialien, Harzen und Vorprodukten Engpässe entstehen könnten.
Besonders heikel ist das bei modernen Langstreckenjets. Der A350 von Airbus und die 787 von Boeing bestehen zu einem großen Teil aus Kohlefaserverbundwerkstoffen. In diesem Segment sind die Lieferketten jünger, stärker spezialisiert und oft auf wenige zertifizierte Anbieter konzentriert. Ersatzlieferanten lassen sich deshalb nicht schnell aktivieren.
Warum trifft der Konflikt Airbus und Boeing?
Eine Schlüsselrolle spielen die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort sitzen wichtige Produzenten von Composite-Bauteilen und Prepreg-Materialien. Zugleich sind mit Jebel Ali und Abu Dhabi relevante Logistikdrehscheiben betroffen. Selbst wenn die Produktion weiterläuft, können Transportwege teurer und komplizierter werden. Das Airbus Lieferkettenrisiko ist deshalb nicht nur eine Frage direkter Kriegsschäden, sondern auch des Inbound-Verkehrs. Vorprodukte, Chemikalien und Harze kommen oft aus China und anderen asiatischen Ländern per Schiff. Kommt es dort zu Verzögerungen, drohen Kettenreaktionen in den Endmontagelinien.
Ein gewisser Puffer ist vorhanden. Die Branche hat aus früheren Engpässen bei Titan und anderen Rohstoffen gelernt und Sicherheitsbestände aufgebaut. Allerdings gilt auch: Hält der Konflikt länger an, reichen selbst diese Puffer nicht unbegrenzt. Luftfracht und Landtransporte über Saudi-Arabien können helfen, erhöhen aber die Kosten. Für die Hersteller ist das kurzfristig verkraftbar, mittelfristig drückt es jedoch auf Margen und Produktionsrhythmus.
Was bedeutet das für Airbus?
Im direkten Vergleich sehen Branchenberater Airbus etwas besser aufgestellt als Boeing, weil die Europäer bei einzelnen Programmen flexibler reagieren können. Das ändert aber nichts daran, dass das Airbus Lieferkettenrisiko operativ relevant bleibt. Vor allem der A350 ist anfällig, wenn Composite-Lieferungen stocken. Gleichzeitig lasten die bekannten Triebwerksprobleme weiter auf den Kurz- und Mittelstreckenprogrammen.
An der Börse überwiegt heute dennoch die Erholung. Airbus gehört mit einem Plus von rund 7% zu den stärksten Werten im DAX. Marktteilnehmer werten die Aktie nach der jüngsten Schwächephase als technisch unterbewertet. Im Handel kursiert zudem ein Kursziel von 190 Euro. Namentlich genannte Analystenhäuser wie Citigroup oder RBC Capital Markets haben zu dieser aktuellen Bewegung zwar keine neuen Einschätzungen geliefert, doch der Markt fokussiert klar auf die operative Widerstandskraft des Konzerns. Der aktuelle Kursanstieg bedeutet allerdings nicht automatisch ein neues Jahreshoch; dafür fehlen bestätigte 52-Wochen-Daten.
Bleibt Airbus trotz Lieferkettenrisiko attraktiv?
Für Anleger ist entscheidend, ob das Airbus Lieferkettenrisiko eine vorübergehende Störung oder ein neuer Dauerfaktor wird. Kurzfristig kann Airbus höhere Logistikkosten tragen und auf Lagerbestände zurückgreifen. Zudem bleibt die strukturelle Nachfrage nach Verkehrsflugzeugen hoch, was den Auftragsbestand stützt. Auch Zulieferer und Dienstleister der Luftfahrtbranche verweisen weiter auf robuste Aktivität. Das zeigt sich etwa bei AAR Corp., die zuletzt mit starken Quartalszahlen, angehobener Prognose und neuen US-Air-Force-Verträgen auf sich aufmerksam gemacht hat.
Entscheidend werden nun die nächsten Wochen: Bleiben die Anlagen in den Emiraten erreichbar, funktionieren alternative Routen und verschieben die Golf-Airlines ihre Abnahmen nur moderat, dürfte Airbus die Lage beherrschbar halten. Eskaliert der Konflikt weiter, könnten Produktion, Auslieferungen und Kosten gleichzeitig unter Druck geraten.
Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Airlines dort geplante Auslieferungen neuer Flugzeuge nach hinten schieben werden.— Matthias Mette
Das Airbus Lieferkettenrisiko ist durch den Iran-Krieg klar gestiegen, doch Airbus profitiert weiterhin von einem starken Marktumfeld und einem hohen Auftragsbestand. Für Anleger bleibt die Aktie interessant, solange Engpässe bei Triebwerken und Composite-Materialien nicht in einen längeren Produktionsstopp umschlagen. Die nächsten Signale aus Lieferkette, Logistik und Nahost-Nachfrage dürften jetzt den weiteren Kursverlauf bestimmen.
