Die Aktie von Amazon.com, Inc. gerät nach einem starken Jahresauftakt unter Druck – und der Markt macht vor allem einen Schuldigen aus: den sprunghaft gestiegenen Amazon CapEx-Plan. Statt der erwarteten rund 150 Milliarden US‑Dollar will der Konzern nun etwa 200 Milliarden US‑Dollar investieren, vor allem in AWS, KI-Infrastruktur und Energieprojekte. Anleger fragen sich, ob dieser Investitionsschub den freien Cashflow dauerhaft belastet – oder den Grundstein für die nächste Wachstumsphase legt.
Warum steht Amazon so stark unter Druck?
Amazon-Aktien haben nach einem starken Jahresauftakt deutlich Federn gelassen. Mit 198,79 US‑Dollar (Vortag: 199,60 US‑Dollar, -0,41 %, nachbörslich leicht höher bei 198,96 US‑Dollar) liegt der Kurs rund 17 bis 20 Prozent unter dem Allzeithoch und kämpft nun mit der kurzfristigen Unterstützung im Bereich von 195 bis 200 US‑Dollar. Charttechniker verweisen darauf, dass zuvor bereits die Marke um 211 US‑Dollar klar unterschritten wurde. Die aktuelle Bewegung reiht sich in eine Serie von neun Verlusttagen in Folge ein – die längste Durststrecke seit 2006.
Fundamental ist das Bild deutlich weniger dramatisch. Im Kerngeschäft mit E‑Commerce und Werbung wachsen Umsatz und operatives Ergebnis weiter, doch der Markt fokussiert sich auf eine Kennziffer: den drastisch erhöhten Amazon CapEx-Rahmen. Statt der von vielen Investoren erwarteten etwa 150 Milliarden US‑Dollar stellt das Management nun rund 200 Milliarden US‑Dollar für Investitionen in Aussicht – eine Zahl, die zunächst wie ein Schock wirkte.
Was steckt hinter dem Amazon CapEx-Sprung?
Im Zentrum der Strategie steht die Cloud-Sparte AWS. Sie steuert zwar nur rund 18 % zum Umsatz von über 700 Milliarden US‑Dollar bei, generiert aber den Löwenanteil des operativen Gewinns: Allein 2025 lag das AWS-Operating-Income bei rund 45,6 Milliarden US‑Dollar, während Nordamerika und International zusammen 34,7 Milliarden US‑Dollar beisteuerten. Gleichzeitig beschleunigt sich das Wachstum in AWS wieder, die Margen bleiben robust.
Der erhöhte Amazon CapEx-Bedarf fließt in neue Rechenzentren, Glasfaser, Eigenchips und ergänzende GPU-Kapazitäten für KI-Workloads. Hinzu kommen strategische Engagements wie die Beteiligung an Anthropic und Infrastrukturprojekte im Energiebereich; so erhielt das von Amazon unterstützte Nuklearunternehmen X‑Energy in den USA grünes Licht für die Produktion neuartiger Reaktorbrennstoffe. Kurzfristig belastet dieser Ausgabenblock den freien Cashflow, weil die geplanten 200 Milliarden US‑Dollar die Operating-Cashflows von zuletzt 139,5 Milliarden US‑Dollar übersteigen könnten.
Gleichzeitig liegen Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis mit etwa 28 bis 29 deutlich unter dem Zehnjahresmedian von über 80 – ein Hinweis, dass viele dieser Risiken bereits im Kurs eingepreist sein könnten.

Wie reagieren Analysten auf die Amazon CapEx-Offensive?
Im Analystenlager sorgt die neue Ausgabenplanung für eine Mischung aus Respekt und Zuversicht. Daiwa Securities hat das Kursziel für Amazon zwar von 300 auf 280 US‑Dollar reduziert, bleibt aber bei einer Kaufempfehlung und begründet den Schritt mit den höheren Investitionsrisiken im Zuge des Amazon CapEx-Programms. Morgan Stanley zeigt sich etwas weniger skeptisch und senkte das Kursziel nur moderat auf 300 US‑Dollar, ebenfalls bei grundsätzlich positiver Einstufung.
Andere Marktbeobachter verweisen darauf, dass der aktuelle Bewertungsabschlag Chancen eröffnet: Mehrere Analysen sehen in Amazon.com, Inc. trotz der CapEx-Spitze einen der aussichtsreichsten Large Caps im Technologie- und KI-Sektor und trauen dem Konzern perspektivisch sogar eine Marktkapitalisierung von 3 Billionen US‑Dollar zu. Auch prominente Value-Investoren wie Seth Klarman haben ihre Engagements in Amazon zuletzt deutlich ausgebaut, was als Vertrauensbeweis in die Kapitalallokation des Managements gewertet werden kann.
Welche Risiken und Chancen sehen Anleger jetzt bei Amazon?
Die Sorgen der Börse sind greifbar: Die inverse Korrelation zwischen steigenden Infrastrukturinvestitionen und nachlassender Cashflow-Dynamik weckt Erinnerungen an frühere Phasen, in denen Amazon aggressiv in Logistik und Cloud-Kapazitäten investierte. Damals dauerte es, bis sich die Projekte im Zahlenwerk niederschlugen – langfristig waren sie jedoch der Treiber für die heutige Marktstellung.
Heute steht wieder ein solcher Wendepunkt an. Der Amazon CapEx-Fokus auf KI-Infrastruktur, eigene Chips und vertikal integrierte Cloud-Angebote verschafft AWS einen strategischen Vorteil im Wettbewerb mit Microsoft, Google und neuen Playern wie Oracle, das zuletzt einen großen Cloud-Auftrag im US-Gesundheitssektor gewinnen konnte. Technisch bleibt die Zone 195 bis 200 US‑Dollar eine entscheidende Unterstützung; darunter rückt der Bereich 160 bis 165 US‑Dollar als nächste starke Auffanglinie in den Blick. Langfristig orientierte Anleger achten jedoch weniger auf einzelne Tagesschwankungen, sondern darauf, ob AWS-Umsätze und Margen den Investitionsschub in den kommenden Jahren rechtfertigen.
Die aktuelle Schwächephase der Aktie steht im krassen Gegensatz zur operativen Stärke von AWS – wer Amazon nur am kurzfristigen Cashflow misst, blendet das Potenzial des KI-Infrastrukturzyklus aus.
— Redaktion Börsenblog
Fazit
Mit einer historisch betrachtet moderaten Bewertung, starken Cashflows und einer klaren KI-Roadmap bleibt Amazon.com, Inc. eine der zentralen Wetten auf den globalen Cloud- und E‑Commerce-Markt. Wer dem Management zutraut, den aktuellen Investitionszyklus ähnlich erfolgreich zu managen wie frühere Ausbauphasen, könnte die jüngste Korrektur als Gelegenheit sehen, gestaffelt Positionen aufzubauen.
Weiterführende Quellen
- Amazon.com, Inc. bei Yahoo Finance (Yahoo Finance)
- Is Amazon Stock a Good Buy? (The Motley Fool)
- Amazon’s stock just clinched its worst losing streak in nearly two decades (Market Watch)
- Amazon-Backed Nuclear Company Gets US Approval for Reactor Fuel (Bloomberg)