Drehen Amazons massive KI-Investitionen den Free Cashflow ins Minus oder legen sie den Grundstein für den nächsten Wachstumsschub?
Amazon KI-Investitionen: Fluch oder Segen?
Amazon.com, Inc. setzt mit KI- und Cloud-Ausgaben von 200 Milliarden Dollar in diesem Jahr die wohl aggressivste Investitionsoffensive aller Hyperscaler um. Ziel ist es, die stark wachsende Nachfrage nach Rechenkapazität für generative KI zu bedienen, insbesondere über Amazon Web Services (AWS). Das führt jedoch dazu, dass der Free Cashflow 2026 voraussichtlich ins Negative dreht, nachdem er bereits 2025 von 38,2 auf 11,2 Milliarden Dollar eingebrochen ist, weil die Investitionen schneller wuchsen als der operative Cashflow.
Die Amazon KI-Investitionen sollen die Kapazitätsengpässe in den weltweiten Rechenzentren auflösen. Denn der Bedarf der Unternehmenskunden übersteigt derzeit die vorhandene Infrastruktur, was potenzielle Umsätze bremst. Gleichzeitig geraten Aktienrückkäufe und bilanzieller Spielraum unter Druck – ein wesentlicher Grund für die Korrektur der vergangenen Monate.
Wie stark profitiert Amazon von AWS und Werbung?
Trotz der Skepsis bleibt das Kerngeschäft beeindruckend profitabel. AWS liegt mit einem Run-Rate-Umsatz von rund 142 Milliarden Dollar vor der Konkurrenz und wuchs im vierten Quartal 2025 um 24 % – das höchste Tempo seit Jahren. Neue Großkunden wie Visa, Salesforce, DoorDash und OpenAI untermauern den Trend, dass Unternehmen ihre IT-Budgets aus On-Premise-Systemen in die Cloud verschieben.
Parallel boomt das Werbegeschäft: 2025 erzielte Amazon hier knapp 69 Milliarden Dollar Umsatz, ein Anstieg um 22 % gegenüber 2024. Die hohen Margen dieser Sparte helfen, die massiven Amazon KI-Investitionen abzufedern. Zudem startet der Konzern neue E‑Commerce-Services wie „Amazon Now“, das Lieferzeiten von 30 Minuten ermöglicht und in Testmärkten – etwa in Indien – die Bestellhäufigkeit von Prime-Kunden deutlich erhöht hat.
Mit Prime Video Werbeformaten, die inzwischen 315 Millionen Zuschauer erreichen, und KI-gestützten Tools zur Kampagnenerstellung baut Amazon einen integrierten Werbe- und Commerce-Kosmos auf, der langfristig zusätzliche Erlöse und Skaleneffekte verspricht.

Wie bewerten Morgan Stanley und andere Analysten Amazon?
Auf Analystenseite prallen widersprüchliche Einschätzungen aufeinander. Morgan Stanley sieht Amazon als einen der Top-KI-Profiteure und hält die Aktie mit „Overweight“ und einem Kursziel von 300 Dollar auf der Favoritenliste. Die Investmentbank erwartet, dass AWS 2026/27 wieder mit über 30 % pro Jahr wächst und die Rendite auf das eingesetzte Kapital der KI- und Rechenzentrumsinvestitionen deutlich anzieht. Besonders hervorgehoben wird „Agentic Commerce“ – also KI-Assistenten wie Rufus, die das Einkaufserlebnis personalisieren und die Conversion-Raten erhöhen sollen.
Andere Häuser bleiben zwar optimistisch, passen aber ihre Erwartungen an. Bernstein senkte das Kursziel von 300 auf 265 Dollar, behielt aber das Rating „Outperform“ bei. Begründung: Die starke Entwicklung von AWS und des operativen Ergebnisses rechtfertige einen Teil der Ausgaben, sei aber kurzfristig zu dünn, um 200 Milliarden Dollar Capex voll zu erklären. Benchmark reduzierte sein Kursziel von 295 auf 275 Dollar und bleibt ebenfalls bei „Buy“.
Bank of America-Analyst Justin Post verteidigt die Strategie: Angesichts der führenden Kundenbasis und Umsätze von AWS sei es folgerichtig, dass Amazon mehr investiere als Wettbewerber. Unter den 72 beobachtenden Analysten empfehlen rund 92 % die Aktie weiterhin zum Kauf, mit einem mittleren Zwölfmonats-Potenzial von knapp 40 %.
Wie ist Amazon aktuell bewertet?
Mit einem Kurs von 210,11 Dollar handelt die Aktie rund 18 % unter dem Allzeithoch und etwa 10 % tiefer seit Jahresbeginn. Auf Basis der Gewinnschätzungen liegt das erwartete KGV bei etwa 25 bis 26 und damit nur leicht über dem S&P‑500-Durchschnitt, obwohl Amazon den Umsatz im mittleren Zehner-Prozentbereich steigert und die Margen ausbaut.
Verglichen mit anderen Konsumriesen wirkt der Titel moderat bewertet: Walmart weist ein höheres Multiple auf, obwohl Amazon 2025 mit 717 Milliarden Dollar Umsatz bereits zum weltweit größten Unternehmen nach Erlösen aufgestiegen ist und stärker vom KI-Boom profitiert. Kritisch bleibt der aktuell minimale Free-Cashflow-Ertrag von rund 0,35 % gemessen am Enterprise Value – ein direkter Effekt der Amazon KI-Investitionen. Langfristig sprechen die Skalen- und Netzwerkeffekte von E‑Commerce, Cloud und Werbung jedoch dafür, dass der Free Cashflow nach dieser Investitionswelle neue Höchststände erreichen kann.
Wir haben tiefe Erfahrung darin, Nachfragesignale im AWS-Geschäft zu lesen und diese Kapazität in eine starke Rendite auf das eingesetzte Kapital zu übersetzen.
— Andy Jassy, CEO von Amazon
Fazit
Die 200-Milliarden-Offensive der Amazon KI-Investitionen belastet kurzfristig Free Cashflow und Stimmung, zielt aber klar darauf ab, die strukturelle Führungsrolle in Cloud, Handel und Werbung abzusichern. Für Anleger bedeutet das ein Spannungsfeld aus erhöhtem Risiko und außergewöhnlichem Skalierungspotenzial, zumal Bewertung und Analystenkonsens derzeit eher für als gegen die Aktie sprechen. Entscheidend wird sein, ob AWS und neue KI-getriebene Dienste ab 2027 die Investitionswelle rechtfertigen – wer diese Wette eingehen will, findet in Amazon einen dominanten Wachstumswert mit langfristig intaktem Chance-Risiko-Profil.
Weiterführende Quellen
- Amazon.com, Inc. (AMZN) Übersicht (Yahoo Finance)
- Amazon.com, Inc. (AMZN) Named Top AI Pick as Morgan Stanley Sees AWS Acceleration and Agentic Upside (Finviz)
- Analysts Maintain Buy on Amazon (AMZN) Despite 18% Share Depreciation (Finviz)
- Could Amazon Stock Gain 79% This Year? 1 Wall Street Analyst Thinks So. (The Motley Fool)
