Steht Amazon.com, Inc. vor dem größten Umbau seiner Geschichte? Die aktuelle Amazon Restrukturierung mit 30.000 Stellenstreichungen, Filialschließungen und KI-Fokus könnte den Konzern radikal verändern.

Was treibt die Amazon Restrukturierung wirklich an?
Amazon baut erneut massiv Personal ab: Rund 16.000 Jobs fallen weg, vor allem im Corporate-Bereich und der Cloud-Sparte Amazon Web Services (AWS). Eine interne E-Mail über „organisatorische Veränderungen“, die versehentlich an einen großen Verteiler ging, hatte die Schritte vorab bekannt gemacht. Beth Galetti, Senior Vice President für People Experience and Technology, bestätigte daraufhin, dass die Kürzungen Teil eines umfassenderen Programms sind, das Managementebenen straffen und Bürokratie abbauen soll.
US-Beschäftigte erhalten in der Regel 90 Tage Zeit, um intern eine neue Rolle zu finden. Gelingt das nicht oder entscheiden sich Mitarbeiter dagegen, bietet der Konzern Abfindungen, Unterstützungsprogramme für die Jobsuche sowie verlängerte Gesundheitsleistungen an. Parallel dazu will Amazon in „strategischen Bereichen“ weiter einstellen – insbesondere dort, wo KI, Cloud und Logistiknetzwerk weiteres Wachstum versprechen.
Die Amazon Restrukturierung folgt auf bereits 14.000 angekündigte Stellenstreichungen im Oktober 2023. Damit summieren sich die aktuellen und geplanten Anpassungen im Corporate-Bereich auf rund 30.000 Arbeitsplätze. Konzernchef Andy Jassy hatte zuletzt in Interviews betont, dass KI langfristig viele bürokratische Tätigkeiten überflüssig machen werde und der Konzern insgesamt mit weniger Mitarbeitern auskommen könnte.
Wie stark leiden Amazon Go und Fresh unter dem Umbau?
Ein sichtbares Symbol der Amazon Restrukturierung ist der Rückzug aus wichtigen Teilen des stationären Einzelhandels. Die verbliebenen 14 kassenlosen Mini-Supermärkte unter der Marke Amazon Go in Nordamerika werden geschlossen. In den Läden konnten Kunden seit 2018 Waren aus dem Regal nehmen und den Laden „einfach verlassen“, während Kameras und Gewichtssensoren den Einkauf automatisch erfassten.
Branchenexperten verweisen seit Jahren auf die hohen Kosten und den erheblichen technischen Aufwand der „Just Walk Out“-Technologie, die eine Ausweitung auf größere Flächen erschwert. Die Technologie bleibt jedoch nicht komplett auf der Strecke: Sie wird inzwischen von anderen Händlern an mehr als 360 Standorten in fünf Ländern genutzt und kommt auch in über 40 Logistikzentren von Amazon für Mitarbeiterverpflegung zum Einsatz.
Auch die wie klassische Supermärkte geführten Amazon Fresh-Filialen werden deutlich ausgedünnt. Mehr als 50 Märkte in Nordamerika galten zuletzt als Testlabor für ein breiteres Lebensmittelfilialnetz. Da kein skalierbares und profitables Modell gefunden wurde, schließt Amazon nun zahlreiche Standorte und will einen Teil davon in Filialen der 2017 übernommenen Kette Whole Foods umwandeln.

Was heißt die Amazon Restrukturierung für AWS und KI?
Die neue Welle von Entlassungen trifft auch AWS, die wichtigste Gewinnquelle des Konzerns. In einer E-Mail sprach die zuständige Managerin Colleen Aubrey von „durchdachten Entscheidungen“, um die Organisation für künftigen Erfolg in KI und Cloud besser aufzustellen. Dabei geht es weniger um eine Schwäche der Nachfrage – AWS wächst weiter zweistellig – als um Effizienz, Margen und die Priorisierung von KI-Projekten.
Amazon investiert massiv in eigene KI-Chips, Large-Language-Modelle und die Plattform Bedrock, auf der Unternehmenskunden generative KI-Anwendungen entwickeln können. Gleichzeitig sollen Kennzahlen wie Umsatz pro Mitarbeiter künftig stärker in den Mittelpunkt rücken. Analysten erwarten, dass gerade im hochmargigen Cloudgeschäft jeder Produktivitätsschub durch Automatisierung direkt auf die Profitabilität einzahlt.
Die Börse reagiert bislang gelassen bis positiv: Die Aktie von Amazon (AMZN) notiert aktuell bei rund 245,50 US-Dollar und liegt damit über 2 % im Plus. Auch 24/7 Wall Street und andere Marktbeobachter verweisen darauf, dass Investoren Effizienzprogramme großer Tech-Konzerne häufig als Unterstützung für die Marge werten.
Wie bewerten Analysten die Amazon Aktie jetzt?
Die jüngste Amazon Restrukturierung fällt mitten in eine Phase verstärkter Aufmerksamkeit vor den Zahlen zum vierten Quartal, die am 5. Februar erwartet werden. Bank of America hat ihr Kursziel für die Aktie kürzlich von 303 auf 286 US-Dollar angepasst, bleibt aber klar positiv und rechnet mit soliden Q4-Zahlen und einem Umsatzplus von rund 22 % bei AWS. Die leicht gesenkte Zielmarke begründet Analyst Justin Post mit einer breiten Bewertungsanpassung im SaaS- und Softwaresektor, nicht mit einer Eintrübung der Amazon-Perspektiven.
Weitere Häuser wie Investors Business Daily verweisen darauf, dass der Titel trotz der Entlassungen leicht im Plus notiert und die Marktführerschaft in Cloud und E-Commerce intakt ist. Für Anleger rückt damit die Frage in den Fokus, ob die aktuellen Maßnahmen die strukturellen Margen dauerhaft heben und gleichzeitig das Wachstumstempo hoch genug bleibt.
Im Fazit der Amazon Restrukturierung steht ein Konzern, der seine physische Präsenz reduziert, aber in Cloud, KI und Whole Foods offensiv investiert. Für Investoren könnten die kommenden Quartalszahlen zum Stresstest werden, ob der neue, schlankere Zuschnitt die Profitabilität wie erhofft stärkt, ohne das Wachstum zu gefährden.