Droht Blue Owl Private Credit zum Menetekel für den boomenden Private-Credit-Markt zu werden – oder bleibt der Schaden begrenzt?
Blue Owl Capital im Liquiditätsstress
Blue Owl Capital Inc. hat bei einem kleineren Private-Credit-Fonds die Rücknahmeregelung gestoppt und die Tore dauerhaft geschlossen. Investoren können ihr Geld nicht mehr laufend abziehen, während das Management Vermögenswerte verkauft, um Kapital schrittweise zurückzugeben. Auslöser war eine Welle von Rücknahmeanträgen in einem Produkt, das eigentlich auf langfristige, illiquide Kreditengagements ausgelegt ist.
Um Liquidität zu schaffen, hat Blue Owl ein Kreditportfolio von rund 1,4 Milliarden US‑Dollar veräußert. Käufer waren große nordamerikanische Pensionsfonds sowie der eigene Versicherungsarm. Laut Marktberichten lag der Veräußerungspreis bei etwa 99,7 % des Nennwerts – ein Hinweis darauf, dass die Kreditqualität im Kern intakt ist, das Problem also primär in der Fristentransformation zwischen langfristigen Blue Owl Private Credit‑Assets und kurzfristigen Rückgaberechten der Investoren liegt.
Gleichzeitig hat die Aktie von Blue Owl in den vergangenen Monaten massiv gelitten. Vom Hoch bei gut 25 Dollar fiel der Kurs zeitweise bis in den Bereich um 10,50 Dollar. Der Markt preist damit nicht nur den Fondsabschluss ein, sondern auch Reputationsschäden und eine mögliche Schwächung der Fundraising-Power des Managers.
Blue Owl Private Credit als Warnsignal?
Die Turbulenzen bei Blue Owl Private Credit werden von vielen Marktteilnehmern als „Kanarienvogel im Kohlebergwerk“ für den gesamten Private-Credit-Sektor gesehen. Die Branche ist in den vergangenen zehn Jahren rasant gewachsen und hat zunehmend klassische Bankkredite ersetzt, besonders bei Software‑ und Dienstleistungsunternehmen. Genau in diesem Segment ist Blue Owl stark engagiert; ein nennenswerter Teil der jüngst verkauften Kredite entfällt auf Software-Finanzierungen.
Der aktuelle Stress verdeutlicht das Kernrisiko: Private Kreditfonds versprechen attraktive Renditen und scheinbar planbare Ausschüttungen, können aber bei plötzlichem Liquiditätsbedarf kaum reagieren, ohne Kredite mit Abschlag am Sekundärmarkt zu verkaufen. Entsteht dabei ein Abschwung in einer Branche – aktuell etwa im Software- und AI‑Umfeld –, verstärken sich Kursverluste der Kreditnehmer, Ausfallängste und Rücknahmebedarf zu einer Art Doom-Loop.
Parallel kämpft Blue Owl mit Gegenwind bei neuen Transaktionen. So gelang es jüngst nur schwer, eine geplante 4‑Milliarden‑Dollar-Fremdfinanzierung für ein KI‑Rechenzentrum des Unternehmens CoreWeave zu syndizieren, unter anderem wegen der schwachen Bonität des Schuldners. Das nährt Zweifel, ob die Wachstumsstory im Direct Lending an Technologieunternehmen nahtlos weitergehen kann.
Wie hart trifft der Schock Blue Owl Capital?
Trotz des massiven Kursrutsches melden die Kerngeschäfte von Blue Owl Capital Inc. weiterhin steigende Erträge. Im vierten Quartal 2025 legten sowohl fee‑bezogene Erträge als auch ausschüttungsfähiges Ergebnis um mehr als 20 % im Jahresvergleich zu, das verwaltete Vermögen erreichte rund 307 Milliarden US‑Dollar. Das Management betont, Ausfälle und Verluste im Kreditbuch seien bislang gering und die Portfolios robust strukturiert, insbesondere im Softwarebereich mit moderaten Beleihungsausläufen und solidem EBITDA‑Wachstum.
Gleichzeitig wird der Druck von der Kapitalmarktseite größer. Eine Sammelklage kritisiert angeblich unzureichende Transparenz zu Liquiditätsrisiken und Rücknahmebeschränkungen. Zudem hat das Unternehmen ein Aktienverkaufsprogramm über gut 615 Millionen Dollar in Verbindung mit einer ESOP-Struktur registriert – ein weiterer Faktor, der auf die Stimmung der Aktionäre drückt.
Hinzu kommen Liquiditätsanpassungen bei OBDC II, einem weiteren Kreditvehikel für Privatanleger, das seine Rückgaberegeln dauerhaft verschärft hat. Kritiker sehen darin ein schleichendes Umschreiben des ursprünglichen Liquiditätsversprechens von Blue Owl Private Credit; Befürworter argumentieren, dass genau diese Einschränkungen nötig seien, um „Run‑ähnliche“ Situationen künftig zu verhindern.
Was bedeutet Blue Owl Private Credit für Anleger?
Die Bewertung von Blue Owl Capital Inc. ist in kurzer Zeit derart stark gefallen, dass selbst zuvor skeptische Marktbeobachter inzwischen von Übertreibung sprechen. Einige professionelle Investoren interpretieren den Abverkauf als Chance, da die jüngsten Kreditverkäufe nahe Nennwert eher auf strukturelle als auf fundamentale Probleme hindeuten. Andere warnen, dass steigende Ausfälle im breiteren Private-Credit-Markt erst noch vor der Tür stehen könnten – insbesondere bei stark fremdfinanzierten Software- und AI‑Geschäftsmodellen.
Für Privatanleger ist die Lektion eindeutig: Produkte im Bereich Blue Owl Private Credit und ähnlichen Direct-Lending-Vehikeln sind nur semi‑liquide. Sie bieten keinen täglichen Zugriff wie eine Aktie oder ein ETF. Wer hier investiert, muss Fristigkeitsrisiken und mögliche Rücknahmebeschränkungen explizit einkalkulieren und Portfolios entsprechend diversifizieren.
Fazit
Die eingefrorenen Fonds und Notverkäufe im Segment Blue Owl Private Credit entzaubern das Bild einer scheinbar jederzeit verfügbaren Renditequelle und legen die strukturellen Liquiditätsrisiken im Private-Credit-Markt offen. Für Anleger bedeutet das, die hohe Volatilität der Blue-Owl-Aktie als Spiegel dieser Unsicherheit zu verstehen und Engagements in illiquide Kreditvehikel strenger nach Fristigkeit und Risikobudget zu prüfen. Entscheidend wird nun sein, ob es Blue Owl gelingt, Vertrauen in seine Private-Credit-Plattform zurückzugewinnen und künftige Produkte so zu strukturieren, dass Renditeversprechen und Liquiditätsprofil besser zusammenpassen.
Weiterführende Quellen
- Blue Owl Capital Inc. (OWL) bei Yahoo Finance (Yahoo Finance)
- Alternative Managers’ Woes Deepen Amid Software Slump (Barrons)
- Blue Owl Capital: Retail Panics, Smart Money Buys (Seeking Alpha)
- Illiquid loans, investor demands: Blue Owl’s software lending triggers another quake in private credit (CNBC)
