Droht Lanxess nach dem geplatzten Envalior-Deal der Bilanz-Stress mit Ratingabstufung oder eröffnet der Kurssturz neue Chancen?
Lanxess Envalior-Deal: Was ist passiert?
Der ursprünglich für dieses Jahr geplante Abschluss des Lanxess Envalior-Deals kommt vorerst nicht zustande. Joint-Venture-Partner Advent verweigert den Kauf der verbleibenden Envalior-Anteile und beruft sich auf den im Vertrag verankerten Finanzierungsvorbehalt. Hintergrund sind nach Angaben des Finanzinvestors das angespannte Marktumfeld und die schwierigen Rahmenbedingungen für zyklische Chemiewerte. Lanxess hatte den Mittelzufluss von rund 1,2 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Anteile bereits fest in seine Planungen einkalkuliert.
Die nun ausbleibende Zahlung trifft den ohnehin hoch verschuldeten Konzern in einer Phase, in der Investoren besonders sensibel auf Bilanzrisiken achten. Zwar betont Lanxess, dass die Liquidität gesichert sei und insbesondere die im Oktober fällige Anleihe vollständig zurückgezahlt werden könne. Dennoch bleibt die Frage, wie sich die Kapitalstruktur ohne die Erlöse aus dem Envalior-Verkauf mittelfristig entwickeln wird.
Lanxess: Bilanzsorgen und Ratingdruck nehmen zu
Am Markt stehen seit Längerem die Verschuldung und Bilanzqualität von Lanxess im Fokus. Analyst Chetan Udeshi von JPMorgan spricht davon, dass die Bilanzsorgen weiterhin das dominierende Thema in der Investmentstory von Lanxess bleiben. Der geplatzte Lanxess Envalior-Deal verschärft diese Wahrnehmung nun zusätzlich, da der erwartete Schuldenabbau ausbleibt.
Besonders kritisch ist die Diskussion um das Kreditrating. Christian Bell von der UBS warnt, dass Lanxess bei den großen Rating-Agenturen den Investment-Grade-Status verlieren könnte. Ein solcher Schritt würde den Konzern in den Bereich sogenannter Hochzins- oder „Ramsch“-Anleihen drängen. Die Folge wären spürbar höhere Finanzierungskosten für künftige Anleiheemissionen – ein schwerer Rückschlag für ein Unternehmen, das bereits als relativ hoch verschuldet gilt.
Lanxess selbst versucht, die Märkte zu beruhigen. Der Konzern verweist darauf, dass man sich auch ohne die Envalior-Erlöse langfristig solide finanziert sehe. Der Liquiditätspuffer sei ausreichend, um die laufenden Verpflichtungen, inklusive der im Herbst fälligen Anleihe, zu bedienen. Ob diese Zusicherung genügt, um die Ratingagenturen und institutionellen Investoren zu überzeugen, bleibt offen.

Lanxess: Aktie auf Tief seit 2009
An der Börse schlagen sich die neuen Risiken unmittelbar im Kurs nieder. Die Lanxess-Aktie (LXS.DE) fällt am Freitagvormittag um rund 12,5 % auf etwa 14,31 Euro, nach 16,33 Euro am Vortag. Damit notiert der Wert in der Nähe des aktuellen 52-Wochen-Tiefs und so niedrig wie seit 2009 nicht mehr. Das frühere Jahreshoch von knapp 34 Euro ist in weite Ferne gerückt, was die massive Neubewertung des Titels unterstreicht.
Bemerkenswert ist, dass die Papiere erst tags zuvor von einer Kaufempfehlung der US-Bank Goldman Sachs profitiert hatten. Diese positive Einschätzung wird nun durch die Nachrichten zum Lanxess Envalior-Deal überlagert. Für kurzfristig orientierte Trader erhöht sich damit die Volatilität erheblich. Langfristige Anleger müssen entscheiden, ob sie den Abschlag als Risikoaufschlag auf die unsichere Bilanzlage sehen oder als potenziell attraktive Einstiegsgelegenheit in einen zyklischen Chemiewert bewerten.
Im Branchenvergleich zeigt sich, dass nicht nur Lanxess unter dem schwachen Umfeld leidet. Analyst Udeshi verweist darauf, dass zyklische Chemiekonzerne insgesamt unter Nachfrageschwäche und Margendruck stehen. Auch andere große Chemiewerte wie BASF kämpfen mit einem schwierigen Marktumfeld, in dem Investoren klar zwischen defensiven Qualitätswerten wie Apple oder wachstumsstarken Technologietiteln wie NVIDIA und eher konjunkturabhängigen, kapitalintensiven Geschäftsmodellen unterscheiden.
Envalior-Optionen 2027 und 2028: Welche Perspektiven?
Ganz vom Tisch ist der Lanxess Envalior-Deal allerdings nicht. Die Verträge sehen für die Jahre 2027 und 2028 weitere Optionen vor. 2027 verfügt Lanxess über ein erneutes Verkaufsrecht zu im Wesentlichen identischen Konditionen. Dann könnte Advent erneut die Möglichkeit erhalten, die restlichen Anteile an Envalior zu übernehmen – vorausgesetzt, das Finanzierungsumfeld und die Branchenperspektiven haben sich bis dahin aufgehellt.
Sollte Advent auch 2027 nicht zum Zug kommen, tritt 2028 ein weiteres Andienungsrecht von Lanxess in Kraft. In diesem Szenario wäre Advent verpflichtet, zumindest die Hälfte der Anteile zu übernehmen, da der Finanzierungsvorbehalt dann ausläuft. Für Anleger bedeutet dies: Der Liquiditätszufluss von 1,2 Milliarden Euro ist nicht aufgehoben, sondern lediglich in die Zukunft verschoben – zugleich aber mit erheblichen Unsicherheiten bezüglich Timing, Marktumfeld und möglicher Vertragsnachverhandlungen behaftet.
Bis dahin muss sich Lanxess im laufenden Geschäft aus eigener Kraft beweisen, Effizienzprogramme konsequent umsetzen und das Vertrauen der Kapitalmärkte zurückgewinnen. In einem Börsenumfeld, in dem Investoren teils lieber auf Wachstumsstorys wie Tesla oder Technologieriesen wie Apple setzen, sind klassische Chemiewerte besonders gefordert, ihre Resilienz und Cashflow-Stärke zu demonstrieren.
„Die Bilanzsorgen bleiben das dominierende Thema in der Lanxess-Aktienstory.“
— Chetan Udeshi, JPMorgan
Fazit
Für aktive Anleger bleibt die Aktie ein spekulativer Turnaround-Kandidat mit hohem Risiko-Rendite-Profil. Entscheidend wird sein, ob es dem Management gelingt, die Bilanz auch ohne sofortige Envalior-Erlöse zu stabilisieren und ein Abrutschen auf „Ramsch“-Niveau bei den Ratings zu vermeiden.

