Warum bleiben die Ölpreise im Nahen Osten so volatil und welche Rolle spielen geopolitische Spannungen für die globale Inflation?
Warum bleiben die Ölpreise Naher Osten so volatil?
Die geopolitische Lage im Nahen Osten ist der primäre Treiber der aktuellen Volatilität an den Ölmärkten. Zwar ist der Preis für ein Barrel Rohöl der Sorte Brent am Mittwoch um 0,75 Prozent auf 107,93 US-Dollar gefallen und WTI Crude Oil sank um 1,2 Prozent auf 104,55 US-Dollar, doch diese Entwicklung wird von Experten lediglich als kurze Atempause bewertet. US-Energieminister Chris Wright hatte die schnelle Inbetriebnahme der nach Drohnenangriffen abgeschalteten Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien in Aussicht gestellt. Diese Pipeline ist entscheidend, da sie große Ölmengen unter Umgehung der blockierten Straße von Hormus zum Roten Meer transportieren kann. Trotz der Beruhigung durch die Pipeline-Nachricht sehen Analysten wie Saul Kavonic von MST Marquee die Bedrohungen für die Schifffahrt im Roten Meer und in der Straße von Hormus sowie Schäden an Pipelines und Schiffen als weiterhin preistreibend an.
Welche Rolle spielen Raffineriekapazitäten und Dieselpreise?
Neben den Rohölpreisen geraten auch die Preise für raffinierte Produkte, insbesondere Diesel, zunehmend unter Druck. Seit 2009 wurden in Europa 30 von 100 großen Raffinerien geschlossen oder umgewandelt, was die Kapazität zur Dieselproduktion erheblich reduziert hat. Dies führt zu einer erhöhten Abhängigkeit von Importen aus Übersee. Die Terminmarktpreise für Diesel in Rotterdam und New York haben sich seit Beginn des Iran-Kriegs verdoppelt und liegen deutlich über den Höchstständen nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Der sogenannte Diesel Crack Spread, der die Spanne zwischen Rohöl- und Dieselpreisen misst, erreichte kürzlich einen Rekordwert von 111 Dollar pro Fass, was eine deutlich dramatischere Verknappung bei Diesel signalisiert als bei Rohöl. Dies ist nicht nur auf die eingeschränkten Lieferkapazitäten aus dem Nahen Osten zurückzuführen, sondern auch auf Exportstopps aus Russland und mögliche Begrenzungen aus den USA und China. Exxon Mobil (XOM) und Chevron (CVX) als große integrierte Energiekonzerne könnten von dieser Entwicklung profitieren, da sie sowohl Rohöl fördern als auch Raffineriekapazitäten besitzen.
Wie beeinflussen die hohen Energiepreise die globale Inflation und Zentralbanken?
Die anhaltend hohen Ölpreise Naher Osten und die steigenden Dieselpreise befeuern die globale Inflationsangst. Die Europäische Union hat seit Beginn des Iran-Kriegs zusätzliche 90 Milliarden Euro für fossile Brennstoffe ausgegeben, ohne mehr Energiemoleküle zu erhalten. Dies unterstreicht die schmerzhafte Abhängigkeit Europas von importierten Energieträgern und die Dringlichkeit, auf eigene, erschwingliche und saubere Energien umzusteigen. Die US-Notenbank Federal Reserve und die Europäische Zentralbank (EZB) stehen unter Druck, weitere Zinserhöhungen vorzunehmen, um die Inflation einzudämmen. Mark Connors, Chief Investment Officer bei Risk Dimensions, beschreibt Zinserhöhungen als „mit einer Mistgabel unser Boot der Inflation ausschöpfen“, da die Geldpolitik Inflation, die durch einen Ölangebotsschock verursacht wird, nicht leicht beheben kann. Die hohen Energiekosten belasten die Kaufkraft der Verbraucher und erhöhen die Produktions- und Transportkosten, was sich letztlich in höheren Preisen für Endprodukte niederschlägt. Eine Analyse von Moody’s Analytics ergab, dass die durchschnittliche US-Haushaltsrechnung seit Beginn des US-Iran-Konflikts um rund 1.760 Dollar gestiegen ist, wobei über die Hälfte davon auf höhere Energiekosten entfällt. Die 10-jährige Staatsanleiherendite erreichte in dieser Woche ihren höchsten Stand seit 19 Jahren, was die Kreditkosten weiter in die Höhe treibt und die Belastung für Verbraucher und Unternehmen verstärkt.
Welche Rolle spielen die Huthi-Milizen und die Meerengen?
Die Eskalation der Konflikte auf der Arabischen Halbinsel, insbesondere die Offensive der mit dem Iran verbündeten Huthi-Miliz im Jemen, verschärft die Unsicherheit. Die Huthi haben die Kontrolle über die Westküste des Jemen und strategisch gelegene Inseln übernommen, wodurch sie praktisch uneingeschränkten Zugriff auf die Meerenge Bab al-Mandab erhalten, eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten zwischen Europa und Asien. Riad wirft den Huthi vor, die Weltwirtschaft in Geiselhaft nehmen zu wollen. Die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran und die potenzielle Bedrohung der Bab al-Mandab-Meerenge durch die Huthi erhöhen das Risiko von Versorgungsunterbrechungen erheblich. Saudi-Arabien war nach der Abschaltung der Ost-West-Pipeline gezwungen, den Öltransport teilweise wieder über die Straße von Hormus abzuwickeln, was das Risiko für die Ölexporte des Königreichs erhöht. Saudi Aramco (2222.SR) hat Berichten zufolge bereits einige September-Lieferungen nach Europa storniert oder verzögert. Die Angst vor einer weiteren Eskalation und deren Folgen für den weltweiten Ölfluss hält die Ölpreise Naher Osten auf einem hohen Niveau und dämpft die Hoffnung auf eine nachhaltige Entspannung.
Die Ölpreise Naher Osten bleiben trotz kurzfristiger Entspannung nach der Pipeline-Meldung aufgrund der anhaltenden geopolitischen Spannungen und Versorgungsengpässe auf hohem Niveau. Für Anleger bedeutet dies eine fortgesetzte Unsicherheit und das Risiko weiterer Inflationsschübe, die die Geldpolitik der Zentralbanken beeinflussen. Die Entwicklung der Konflikte im Nahen Osten und die Reaktion der globalen Energieversorgung werden die Märkte in den kommenden Wochen maßgeblich prägen.




