Kann Oracles aggressive KI-Infrastruktur-Offensive den Rekord-Auftragsbestand rechtfertigen – oder kippt die Wette an den Schulden?
Wie positioniert sich Oracle vor den Q3-Zahlen?
Oracle Corporation berichtet heute nach US-Börsenschluss über das dritte Quartal – ein Termin, der als wichtiger Stimmungstest für den gesamten KI- und Cloud-Sektor gilt. Analysten rechnen im Schnitt mit rund 1,70 bis 1,71 US-Dollar Gewinn je Aktie bei knapp 17 Milliarden US-Dollar Umsatz. Besonders im Fokus steht das Cloud-Segment OCI (Oracle Cloud Infrastructure), das den Kern der Oracle KI-Infrastruktur bildet.
In den vergangenen vier Quartalen wuchs OCI um 49 %, 52 %, 55 % und zuletzt 68 %. Der Markt erwartet nun ein weiteres Beschleunigen – viele Investoren wollen Wachstumsraten von 80 % oder mehr sehen, um der massiven Investitionsoffensive zu vertrauen. Parallel dazu wird genau beobachtet, wie stark die Remaining Performance Obligations (RPO) weiter steigen. Die Messlatte für neue RPO-Zusätze liegt bei rund 18 Milliarden US-Dollar; darüber hinausgehende Zuwächse würden als Signal gewertet, dass die Nachfrage nach der Oracle KI-Infrastruktur trotz jüngster Turbulenzen intakt ist.
An der Börse bleibt die Stimmung jedoch angespannt: Seit dem Hoch im September liegt die Aktie rund 50 % darunter, trotz des gewaltigen Auftragsbestands von 523 Milliarden US-Dollar, der einem Plus von 438 % innerhalb eines Jahres entspricht.
Warum ist die Oracle KI-Infrastruktur so umstritten?
Der strategische Kern von Oracles KI-Offensive ist ein globales Netz von Rechenzentren: 72 Multicloud-Datacenter, eingebettet in die Clouds von Amazon, Google und Microsoft, sowie insgesamt über 211 bestehende und geplante Regionen weltweit. TV-Börsenprofi Jim Cramer bezeichnete Oracle Corporation jüngst sogar als „König der Rechenzentren“ und das am schnellsten wachsende Unternehmen im Datacenter-Bereich. Die Oracle KI-Infrastruktur setzt auf Chip-Neutralität – Kunden sollen ihre Workloads dort ausführen, wo es am besten passt, während Oracle die Infrastruktur liefert.
Doch dieses Wachstum hat einen hohen Preis. Oracle sitzt auf über 100 Milliarden US-Dollar Schulden und hat Lieferverpflichtungen für Hardware und Infrastruktur von rund 95,2 Milliarden US-Dollar eingegangen. Allein im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres erreichten die Investitionsausgaben (CapEx) mehr als 20,5 Milliarden US-Dollar und überstiegen den operativen Cashflow deutlich, sodass der freie Cashflow zuletzt negativ war. Parallel bereitet das Management laut Branchenberichten die Entlassung von 20.000 bis 30.000 Mitarbeitern vor – die größte Personalanpassung der Firmengeschichte –, um Liquidität für den Ausbau der Oracle KI-Infrastruktur freizumachen.
Zusätzlichen Druck bringt die extreme Geschwindigkeit des Chip-Zyklus. Das von Oracle gemeinsam mit OpenAI geplante Großprojekt „Stargate“ in Abilene, Texas, zeigt das Dilemma: Verzögerungen bei der Stromanbindung bedeuten, dass die ursprünglich geplanten NVIDIA-Blackwell-GPUs zum Zeitpunkt der Fertigstellung womöglich bereits von der nächsten Generation Vera Rubin überholt sind. Für Kunden wie OpenAI wird es damit attraktiver, Kapazität in neueren Standorten zu buchen – ein Risiko für die Wirtschaftlichkeit fertig geplanter, aber noch nicht vollständig ausgelasteter Anlagen.

Wie steht Oracle im Vergleich zu anderen Tech-Giganten da?
Im Vergleich zu Mega-Caps wie Microsoft oder Apple geht Oracle seine KI-Wette von einer deutlich kleineren Umsatzbasis an. Microsoft investiert ebenfalls zweistellige Milliardenbeträge pro Quartal in Rechenzentren, kann diese aber mit einem Quartalsumsatz von über 80 Milliarden US-Dollar abfedern. Oracle kommt auf rund 16 Milliarden US-Dollar – etwa ein Fünftel des Volumens. Fällt ein großer Hyperscaler-Kunde weg oder verschiebt Projekte, trifft das Oracle deutlich härter.
Gleichzeitig profitiert Oracle indirekt von der Stärke der Chip-Zulieferer: Der explosionsartige Anstieg der Datenzenter-Umsätze von NVIDIA sowie das kräftige KI-Geschäft von Broadcom und Micron stützen die These, dass die Nachfrage nach KI-Rechenleistung strukturell hoch bleibt. Oracle versucht, sich als neutraler Infrastrukturpartner zu positionieren, der eng mit Amazon, Google und Microsoft zusammenarbeitet, statt direkt mit ihnen zu konkurrieren.
Analystenseitig ist das Bild gemischt. RBC Capital Markets zählt Oracle weiterhin zu seinen bevorzugten Technologiewerten mit signifikantem Aufwärtspotenzial, während unter anderem Baird das Kursziel vor den Zahlen gesenkt und explizit nach mehr Transparenz zur Oracle KI-Infrastruktur verlangt hat. Auch Scotiabank und andere Häuser bleiben grundsätzlich positiv, verweisen aber auf die hohe Abhängigkeit von reibungsloser Ausführung bei den Großprojekten.
Was erwarten Anleger heute Abend von Oracle?
Die heutigen Q3-Zahlen gelten als klassisches „Show-me“-Quartal. Marktteilnehmer fokussieren sich vor allem auf vier Kennzahlen: das Wachstum von OCI, neue RPO-Zusagen, den freien Cashflow und den Ausblick auf die künftigen CapEx für die Oracle KI-Infrastruktur. Optionspreise implizieren Kursausschläge von rund 10 % nach den Zahlen – nach oben wie nach unten.
Positiv wäre ein Szenario, in dem Oracle ein deutlich beschleunigtes OCI-Wachstum, kräftige RPO-Zuwächse und eine klar strukturierte, aber planbare Investitionskurve präsentiert. Entlastend wäre zudem, wenn das Management glaubhaft darlegt, dass Projekte wie Abilene trotz Chip-Generationswechsel und Stromengpässen wirtschaftlich genutzt werden können. Skeptisch reagieren dürfte der Markt dagegen auf weitere aggressive CapEx-Anhebungen ohne spürbare Besserung beim freien Cashflow oder bei den Schuldenkennzahlen.
Trotz des Kursrückgangs seit September liegt das durchschnittliche Analystenkursziel im Bereich deutlich über dem aktuellen Niveau – teils jenseits von 250 US-Dollar. Die Frage für Anleger lautet damit: Ist die Oracle KI-Infrastruktur ein langfristiger Burggraben, der die aktuelle Schwächephase überkompensiert, oder eine überdimensionierte Wette, die das Unternehmen bilanziell überfordert?
„Oracle hat sich zum König der Rechenzentren gemacht. Es ist der am schnellsten wachsende Player in diesem Bereich.“
— Jim Cramer
Fazit
Unterm Strich steht Oracle mit seiner Oracle KI-Infrastruktur vor einem der wichtigsten Quartale der jüngeren Firmengeschichte: Rekord-Auftragsbestand und stark wachsendes Cloud-Geschäft treffen auf hohe Verschuldung und massiven Investitionsdruck. Für Anleger ist entscheidend, ob das Management heute Abend belegen kann, dass die Oracle KI-Infrastruktur nicht nur groß, sondern auch nachhaltig profitabel sein wird. Gelingt dieser Nachweis, könnte die aktuell schwache Kursphase für langfristig orientierte Investoren zur Einstiegsgelegenheit werden.
Weiterführende Quellen
- Oracle Corporation (ORCL) bei Yahoo Finance (Yahoo Finance)
- Oracle’s Biggest Earnings Challenge Is a Market Fixated on Risk (Bloomberg)
- Jim Cramer: Oracle Is the King of Data Centers and Fastest Growing (24/7 Wall Street)
- Oracle earnings will show whether its expensive AI bet is starting to pay off (CNBC)
- Oracle Earnings Are Coming. Investors Want to Know if the Cloud Boom Is Worth the Cost. (Barron’s)

