Droht Teslas KI- und Robotaxi-Story an der verschärften Tesla FSD-Untersuchung der US-Behörden zu scheitern?
Tesla (TSLA) notiert aktuell bei 380,30 US-Dollar und liegt damit rund 3,18 % unter dem Vortagesschluss von 382,60 Dollar. Vorbörslich deuten 377,92 Dollar (-0,63 %) auf weitere Abgaben hin. Der Druck kommt vor allem von der vertieften Tesla FSD-Untersuchung, aber auch von Gewinnmitnahmen bei den großen Tech-Werten, zu denen neben Tesla auch NVIDIA und Apple gehören.
Was steckt hinter der Tesla FSD-Untersuchung?
Die NHTSA hat ihre laufende Tesla FSD-Untersuchung auf die nächsthöhere Stufe gehoben und führt nun eine sogenannte „Engineering Analysis“ durch. Im Fokus steht das System „Full Self-Driving (Supervised)“, das Lenk- und Fahrfunktionen übernimmt, aber weiter die volle Aufmerksamkeit des Fahrers verlangt. Die Behörde bewertet insbesondere Vorfälle, bei denen FSD in Situationen mit schlechter Sicht – etwa Sonnenblendung, Nebel oder Staub in der Luft – offenbar nicht rechtzeitig erkannte, dass die Kameras beeinträchtigt waren.
Regulatoren bemängeln, dass das System in einigen dokumentierten Unfällen weder reduzierte Sicht korrekt detektierte noch frühzeitig den Fahrer warnte. In mehreren Fällen habe FSD vorausfahrende Fahrzeuge nicht oder zu spät erfasst und erst unmittelbar vor der Kollision eine Warnung ausgegeben. Die Tesla FSD-Untersuchung umfasst inzwischen rund 3,2 Millionen Fahrzeuge, darunter Model 3, Y, S, X sowie den Cybertruck mit aktivierter FSD-Funktionalität.
Tesla: Vision-only-Ansatz unter Beschuss?
Besonders kritisch sehen die Prüfer den von Elon Musk forcierten „Vision-only“-Ansatz. Tesla, Inc. setzt beim FSD-System ausschließlich auf Kameras und neuronale Netze, verzichtet also auf Radar oder Lidar, die viele Konkurrenten nutzen. Anbieter wie die Alphabet-Tochter Waymo kombinieren Kameras mit Laser-Radaren, um ein robusteres Umfeldmodell zu erhalten. Musk argumentiert dagegen, dass ein rein kamerabasiertes System dem menschlichen Sehen ähnlicher sei und langfristig überlegen sein könne – bei deutlich geringeren Kosten pro Fahrzeug.
Um Sichtprobleme zu adressieren, hat Tesla bereits 2021 eine Software zur „Degradation Detection“ eingeführt, die erkennen soll, wenn Kameras geblendet oder verdeckt sind. Laut NHTSA wirft die aktuelle Tesla FSD-Untersuchung jedoch die Frage auf, ob diese Erkennungslogik in der Praxis zuverlässig funktioniert und in allen betroffenen Fahrzeugen in aktualisierter Form aktiv ist. Am Ende der Engineering-Phase könnte die Behörde einen Rückruf anordnen oder andere Auflagen verhängen. Für Anleger ist damit das regulatorische Risiko rund um FSD klar gestiegen.
Wie wichtig ist FSD für Teslas KI-Strategie?
Trotz des Regulierungsdrucks bleibt autonome Fahrsoftware der Kern von Teslas KI-Story. Bereits im April soll der Robotaxi-Dienst „Cybercab“ starten, ein Fahrzeug ohne klassisches Lenkrad und Pedale, das vollständig von FSD gesteuert werden soll. CEO Elon Musk sieht darin einen Milliardenmarkt; einige Marktbeobachter taxieren das potenzielle Volumen des globalen Robotaxi-Geschäfts langfristig auf 5 bis 10 Billionen US-Dollar. Auch humanoide Roboter der Optimus-Reihe sollen auf denselben KI-Bausteinen aufsetzen.
Um die nötige Rechenleistung zu sichern, arbeitet Tesla an einem eigenen Chipfertigungsprojekt namens „Terafab“. Laut Analysen von Morgan Stanley könnte allein das Optimus-Ziel von perspektivisch über 100 Millionen Robotern pro Jahr mehr als 200 Millionen KI-Chips erfordern – ein Vielfaches der heutigen Nachfrage. Während Investmenthäuser wie Morgan Stanley und Wedbush das Projekt als strategisch logisch einstufen, warnen sie zugleich vor enormen Investitionskosten im zweistelligen Milliardenbereich und vor Ausführungsrisiken.
Was bedeuten Semi und Solar für das Wachstum?
Parallel zu FSD und KI rückt das Nutzfahrzeuggeschäft in den Vordergrund. Nach Jahren der Verzögerung soll der Elektro-Lkw Semi nun in die Massenproduktion gehen. Erste Testfahrer in den USA berichten von höherem Fahrkomfort, starker Beschleunigung und einer Reichweite von bis zu 500 Meilen pro Ladung, die klar über vielen heutigen E-Lkw liegt. Branchenbeobachter rechnen 2026 mit 5.000 bis 15.000 ausgelieferten Semi-Trucks, mittelfristig könnten bis zu 50.000 Einheiten pro Jahr möglich sein.
Ein weiterer Wachstumspfeiler sind Solaranlagen und Energiespeicher. Tesla verhandelt derzeit über den Kauf von Solar-Produktionsausrüstung im Umfang von rund 2,9 Milliarden US-Dollar von chinesischen Herstellern, darunter Suzhou Maxwell Technologies. Ziel ist der Aufbau von bis zu 100 Gigawatt Solarkapazität in den USA bis 2028. Trotz politischer Gegenwinde und einer stärkeren Fokussierung der US-Regierung auf fossile Energieträger setzt Elon Musk damit unverändert auf Solarstrom als Basis für Rechenzentren, KI-Infrastruktur und Elektromobilität. Berichte von Reuters und CNBC verweisen darauf, dass Teile der Fertigungstechnik voraussichtlich in Texas installiert werden sollen.
Wie reagieren Analysten und der Markt auf Tesla?
An der Wall Street bleibt die Aktie stark von der KI-Story getrieben: In den vergangenen zwölf Monaten hatte Tesla phasenweise deutlich zweistellige Kurszuwächse verzeichnet, was zu Bewertungsmultiplikatoren geführt hat, die eher einem Software- als einem Autobauer entsprechen. Analysten wie Dan Ives von Wedbush betonen, dass „Terafab“ und Robotaxis zentrale Katalysatoren der nächsten Jahre sein könnten. Morgan Stanley hebt in seinen Kommentaren hervor, dass die Sicherung der Chipversorgung entscheidend ist, um Optimus- und Robotaxi-Pläne umzusetzen.
Gleichzeitig raten einige Häuser zu Vorsicht: Die Citigroup und andere Großbanken verweisen auf die hohe Abhängigkeit der Investmentstory von regulatorischen Entscheidungen in den USA und China, etwa bei der Tesla FSD-Untersuchung oder bei Exportgenehmigungen für Solarausrüstung. Positiv für das Sentiment wirkt, dass die NHTSA parallel eine andere Untersuchung – eine Petition wegen angeblich unbeabsichtigter Beschleunigung – abgeschlossen und dabei keinen systematischen Defekt festgestellt hat. Das unterstreicht, dass nicht jede Prüfung automatisch in einem Rückruf endet.
Das autonome Fahren ist für Tesla keine Option, sondern der Kern der gesamten KI- und Robotikstrategie.— Dan Ives, Wedbush Securities
Im Mittelpunkt steht nun, ob Tesla die Software-Schwächen beim FSD schnell per Over-the-Air-Update adressieren kann, ohne die Funktionalität von Robotaxis und Fahrassistenz massiv einzuschränken. Die Aktie bleibt damit ein Hebel auf zwei Entwicklungen: Einerseits die regulatorische Klärung rund um die Tesla FSD-Untersuchung, andererseits die Frage, ob KI, Semi und Solar die Wachstumsstory trotz zunehmender Konkurrenz im EV-Segment – etwa durch neue Modelle wie Xiaomis SU7 in China – tragen können.
