Kann ein aufgeblähtes Boeing Verteidigungsbudget den Kursrückgang stoppen – oder bleibt die Aktie trotz Kriegsfantasie Underperformer?
Boeing: Wie stark ist der Kursrückgang heute?
Die Aktie von The Boeing Company verliert am Donnerstag bis zum europäischen Abendhandel rund 2,34 % auf 201,18 US-Dollar, nachdem sie am Vortag noch bei 205,91 Dollar geschlossen hatte. Im nachbörslichen Handel liegt der Kurs mit 201,50 Dollar leicht höher. Mehrere Dow-Jones-Snapshots zeigen, dass Boeing zeitweise der größte Verlierer im Index war und je nach Tageszeit zwischen 2,2 % und knapp 4 % im Minus lag. Allein der Kursrückgang von Boeing und Sherwin-Williams drückte den Dow phasenweise um rund 80 bis knapp 100 Punkte. Auch andere Schwergewichte wie 3M, Caterpillar, Walmart und der Chipriese NVIDIA belasteten das Marktbarometer.
Belastend wirkt vor allem der Anstieg der Ölpreise im Zuge des eskalierenden Iran-Kriegs. Höhere Kerosinkosten schüren Sorgen um die Profitabilität der Fluggesellschaften und damit indirekt um die Nachfragestabilität im Verkehrsflugzeuggeschäft. Zwar liegt Boeing damit keineswegs auf einem 52-Wochen-Tief, doch die Aktie hinkt der starken Performance vieler Rüstungsunternehmen und des iShares Aerospace & Defense ETF deutlich hinterher, der auf Zwölfmonatssicht um knapp 50 % zugelegt hat.
Boeing Verteidigungsbudget: Rückenwind aus Iran-Krieg?
Parallel zum Kursdruck rückt das Thema Boeing Verteidigungsbudget in den Vordergrund. Das Pentagon plant ein zusätzliches Sonderbudget von bis zu 200 Milliarden Dollar zur Finanzierung des Konflikts mit Iran. Zusammen mit dem bereits auf rund 1 Billion Dollar erhöhten US-Verteidigungsetat für das laufende Fiskaljahr könnte die Gesamtsumme 1,2 Billionen Dollar erreichen. Hinzu kommt die politische Diskussion um ein mögliches Verteidigungsbudget von bis zu 1,5 Billionen Dollar im Fiskaljahr 2027. Für Boeing als einen der größten US-Rüstungskonzerne eröffnet das beträchtliches Potenzial in den Sparten Defense, Space & Security sowie Services.
Analysten verweisen darauf, dass steigende Verteidigungsausgaben in den vergangenen Jahren bereits zu wachsenden Auftragsbeständen und stärkeren Cashflows im Sektor geführt haben. Davon profitieren Wettbewerber wie Lockheed Martin, RTX und GE Aerospace zum Teil schon kräftig – die Aktien dieser Unternehmen haben im letzten Jahr teils deutlich zweistellige Zuwächse erzielt. Boeing hinkt zwar hinterher, könnte aber über neue Programme im Bereich Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Raketenabwehr stärker am wachsenden Boeing Verteidigungsbudget partizipieren, sobald operative Altlasten im Konzern weiter abgebaut werden.
Boeing: Fortschritte bei 777-9 und 737 MAX?
Operativ meldet Boeing wichtige Meilensteine, die den langfristigen Investment-Case stützen. Nach Informationen von Reuters hat die US-Luftfahrtbehörde FAA die 777-9 in die vierte Phase des Zertifizierungsprozesses gelassen – ein entscheidender Schritt, um den langverzögerten Großraumjet endlich zur Marktreife zu bringen. Der erfolgreiche Abschluss der Tests wäre ein signifikanter Hebel für Umsatz und Cashflow im Langstreckensegment.
Auch im Mittelstreckenbereich gibt es positive Signale: Ryanair-Chef Michael O’Leary geht davon aus, dass Boeing die Zertifizierung der 737 MAX 10 im dritten Quartal erhält und die Auslieferungen Anfang kommenden Jahres wie geplant starten kann. Damit untermauert der Konzern seine ambitionierten Produktionsziele mit einem geplanten Hochlauf auf rund 63 Maschinen der 737-Familie pro Monat und etwa 16 Dreamlinern pro Monat im weiteren Verlauf der Dekade. Für Investoren ist das wichtig, weil der Großteil des freien Cashflows aus dem kommerziellen Flugzeuggeschäft stammen soll, während das Boeing Verteidigungsbudget die zweite, stabilere Cashflow-Säule bildet.
Wie sehen Analysten Boeing aktuell?
Auf Analystenseite überwiegt trotz aller Unsicherheiten der konstruktive Ton. Bank of America (BofA Securities) betont, dass Boeing beim Produktionshochlauf im Verkehrsflugzeuggeschäft im Plan liegt und gleichzeitig über die Rüstungssparte überproportional von steigenden US-Verteidigungsausgaben profitieren könnte. Zwar erwartet BofA kurzfristig anhaltenden Margendruck, hält aber am positiven mittel- bis langfristigen Ausblick fest und verweist auf den wachsenden Auftragsbestand und eine Verbesserung des freien Cashflows.
Auch aus Investorensicht zeigen sich Signale zunehmenden Interesses: FNY Investment Advisers hat seine Position zuletzt deutlich auf über 11.500 Aktien ausgebaut und Boeing zu einer der größeren Positionen im Portfolio gemacht. Hedgefonds-Analysen verweisen zudem auf eine steigende Zahl institutioneller Investoren, die die Aktie wieder einsammeln, obwohl Boeing gegenüber anderen Rüstungstiteln wie Apple-fernen Tech-Favoriten oder «Defense Champions» wie Lockheed und RTX klar zurückgefallen ist.
Boeing Verteidigungsbudget oder Zivilgeschäft – was treibt die Aktie?
Die zentrale Frage für Anleger ist, welche Sparte künftig den größeren Werttreiber darstellt: das zyklische Zivilgeschäft mit 737, 787 und 777-9 oder die planbarer wachsende Rüstungssparte, gestützt durch das Boeing Verteidigungsbudget. Marktkommentare für Langfristinvestoren argumentieren, dass Boeing als „Decade Play“ zu sehen sei: Kurzfristige Belastungen durch hohe Treibstoffpreise, makroökonomische Unsicherheit und noch nicht abgeschlossene Rechtsrisiken treten in den Hintergrund, sobald Produktion und Margen im Verkehrsflugzeuggeschäft normalisieren.
Für langfristige Anleger ist Boeing ein Spiel auf zwei Ebenen: den zyklischen Comeback-Trade im Zivilflugzeugbau und den strukturellen Aufwärtstrend im US-Verteidigungsbudget.— Redaktion Börsenblog
Gleichzeitig sorgen steigende Verteidigungsausgaben im Zuge des Iran-Kriegs, der Modernisierung der US-Streitkräfte und dem Fokus auf Raketenabwehr, Drohnenabwehr und Luftüberlegenheit dafür, dass Boeing im Wettbewerb mit anderen Rüstungstiteln wieder aufschließen kann. Die Kombination aus Zivil- und Militärgeschäft, unterstützt durch das wachsende Boeing Verteidigungsbudget, bietet aus Sicht geduldiger Anleger einen diversifizierten Zugang zu beiden Wachstumstrends – auch wenn der Markt diese Perspektive angesichts der jüngsten Dow-Schwäche und der unterdurchschnittlichen Kursentwicklung derzeit noch nicht vollständig einpreist.
