Kann der gigantische Oracle RPO den Tech-Riesen im KI-Boom an der Spitze halten, oder droht wegen OpenAI der Absturz?
Wie entwickelt sich die Oracle RPO im KI-Zeitalter?
Die jüngsten Geschäftszahlen der Oracle Corporation zeigen eine extreme Zweiteilung. Auf der einen Seite verzeichnet der Cloud-Spezialist ein rasantes Wachstum. Im abgelaufenen vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 stieg der Gesamtumsatz um 21 Prozent auf 19,2 Milliarden US-Dollar. Die Cloud-Infrastruktur-Sparte (OCI) schoss sogar um 93 Prozent auf 5,8 Milliarden US-Dollar nach oben. Das absolute Highlight des Berichts war jedoch die Kennzahl Oracle RPO, die den Wert bereits vertraglich vereinbarter, aber noch nicht erbrachter Leistungen misst.
Diese verbleibenden Leistungsverpflichtungen explodierten um 363 Prozent auf den Rekordwert von 638 Milliarden US-Dollar. Allein in einem einzigen Quartal kamen 85 Milliarden US-Dollar hinzu. Diese gigantische Oracle RPO dient Analysten oft als verlässlicher Indikator für zukünftige Umsätze. Große Technologiekonzerne wie Meta Platforms (Meta), SpaceX und NVIDIA setzen verstärkt auf die hocheffiziente Infrastruktur des Konzerns, um ihre komplexen KI-Modelle zu trainieren. Die Rechenzentren des Anbieters sind durch den Einsatz von proprietärer Netzwerktechnologie und softwaregesteuerter Automatisierung besonders schnell und kostengünstig.
Warum birgt die Oracle RPO auch massive Risiken?
Trotz der beeindruckenden Auftragsbücher wächst an der Wall Street die Skepsis. Ein wesentlicher Grund zur Sorge ist die extreme Konzentration des Auftragsbestands. Berichten zufolge entfallen rund 300 Milliarden US-Dollar – also fast die Hälfte der gesamten Oracle RPO – auf einen einzigen Kunden: OpenAI. Die finanzielle Stabilität des KI-Pioniers gilt jedoch als hochgradig fragil. Trotz rasant steigender Umsätze verbucht OpenAI immense Verluste, die im vergangenen Jahr bei rund 21 Milliarden US-Dollar gelegen haben sollen. Sollte der wichtigste Partner in Liquiditätsengpässe geraten, droht ein erheblicher Teil der Oracle RPO wegzubrechen.
Zudem plant das Management des Cloud-Giganten, in den nächsten zwölf Monaten lediglich 12 Prozent dieser vertraglichen Verpflichtungen als Umsatz zu realisieren. Weitere 34 Prozent sollen in den darauffolgenden zwei Jahren folgen. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte des Auftragsbestands erst in über drei Jahren umsatzwirksam wird – eine Ewigkeit in der sich rasant verändernden KI-Branche. Das Unternehmen selbst warnte in seinem jüngsten Jahresbericht vor dem Risiko, die tatsächliche Kundennachfrage zu überschätzen.
Wie reagiert der Finanzmarkt auf die Schuldenlast?
Um die gewaltige Nachfrage überhaupt bedienen zu können, muss der Konzern massiv in den Bau neuer Rechenzentren investieren. Die Investitionsausgaben (CapEx) erreichten im Geschäftsjahr 2026 astronomische 55,7 Milliarden US-Dollar, was zu einem negativen freien Cashflow von 24,5 Milliarden US-Dollar führte. Finanziert wird dieser Expansionskurs fast vollständig über Fremdkapital. Die langfristigen Schulden belaufen sich mittlerweile auf fast 130 wirkende Milliarden US-Dollar, während das Eigenkapital lediglich bei 43 Milliarden US-Dollar liegt.
Diese aggressive Bilanzpolitik sorgt am Anleihemarkt für erhebliche Nervosität. Die Spreads der Credit Default Swaps (CDS) – also die Kosten zur Absicherung gegen einen Zahlungsausfall der Unternehmensanleihen – sind zuletzt auf besorgniserregende Niveaus gestiegen. Obwohl die Bonitätsnoten der Ratingagenturen noch im Investment-Grade-Bereich liegen, werden die Anleihen des Konzerns am Markt teilweise wie spekulative Junk-Bonds gehandelt. Das Management plant zudem, weitere 40 bis 50 Milliarden US-Dollar über eine Mischung aus neuen Schulden und Aktienemissionen aufzunehmen, was die bestehenden Aktionäre zusätzlich verwässern könnte.
Die gigantische Oracle RPO von 638 Milliarden US-Dollar untermauert die starke Marktposition des Konzerns im KI-Infrastrukturgeschäft, birgt durch die extreme Abhängigkeit von OpenAI und die immense Schuldenlast jedoch unübersehbare Risiken. Für risikofreudige Anleger bietet die optisch günstige Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 20 zwar eine Einstiegschance, doch die kommenden Quartale müssen erst zeigen, ob die vertraglichen Versprechungen tatsächlich in harte Erlöse umgemünzt werden können. Die Aktie bleibt vorerst ein hochriskantes Unterfangen mit enormem Hebel in beide Richtungen.



