Kann Oracle den Spagat zwischen gigantischen KI-Investitionen und einem drohenden Absturz auf Ramschstatus erfolgreich meistern?
Warum steigt das Oracle Kreditrisiko so rasant?
Während der Aktienmarkt nach dem jüngsten Kursrutsch der Oracle-Aktie vorübergehend Gelassenheit signalisiert, schlägt der Anleihemarkt laute Alarmsignale. Das Oracle Kreditrisiko spiegelt sich am deutlichsten in den fünfjährigen Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) wider. Diese stiegen laut Daten von ICE Data Services jüngst auf rund 2,03 Prozentpunkte pro Jahr – den höchsten Stand seit Ende 2008.
Gleichzeitig gaben die Oracle-Anleihen über die gesamte Zinskurve hinweg nach. So weitete sich der Spread der bis 2056 laufenden 6,7-Prozent-Anleihe um 8 Basispunkte aus. Der Grund für diese Skepsis der Gläubiger liegt in der aggressiven Verschuldungspolitik. Oracle finanziert seine massiven Investitionen in Rechenzentren und KI-Infrastruktur primär über Fremdkapital. Für das Geschäftsjahr 2027 plant das Management Investitionsausgaben (Capex) von bis zu 70 Milliarden US-Dollar. Da das Unternehmen bereits im Vorjahr über 43 Milliarden US-Dollar an neuen Schulden aufgenommen hat, fürchten Bond-Investoren eine Überdehnung der Bilanz.
Zudem sorgt die internationale Konkurrenz für Nervosität: Das neue chinesische KI-Modell Kimi K3 von Moonshot gilt als extrem leistungsfähig und deutlich günstiger als US-amerikanische Alternativen. Sollten Kunden vermehrt auf preiswertere Modelle ausweichen, könnte dies die gesamte Finanzierungspyramide der teuren amerikanischen Rechenzentren ins Wanken bringen.
Welche regulatorischen Hürden bremsen Oracle aus?
Zusätzlicher Druck entsteht durch regulatorische Hürden im US-Bundesstaat Wisconsin. Dort plant Oracle im Rahmen eines 300 Milliarden US-Dollar schweren Infrastrukturabkommens mit OpenAI ein gigantisches Rechenzentrum in Port Washington mit fast einem Gigawatt Leistung. Die zuständige Aufsichtsbehörde, die Wisconsin Public Service Commission, lehnte kürzlich einen Antrag von Oracle ab, die strengen Kreditbedingungen für Großverbraucher zu locker zu gestalten.
Da die Ratingagentur S&P Global Ratings die Bonität von Oracle kürzlich auf “BBB-” herabstufte – nur noch eine Stufe über dem spekulativen “Junk”-Bereich –, greifen strenge Sicherheitsregeln des lokalen Energieversorgers We Energies. Oracle muss nun finanzielle Garantien in Höhe von rund 7 Milliarden US-Dollar hinterlegen, um die Stromkunden vor potenziellen Netzkosten zu schützen. Diese Absicherung über Akkreditive könnte das Unternehmen jährlich mehr als 100 Millionen US-Dollar an zusätzlichen Gebühren kosten. Um das Oracle Kreditrisiko im Zaum zu halten, versucht der Konzern zwar gerichtlich gegen diese Auflagen vorzugehen, erlitt vor der Kommission jedoch einen herben Dämpfer.
Wie bewerten Analysten die finanzielle Lage?
Die Meinungen an der Wall Street gehen weit auseinander. Lindsay Tyler, Kreditanalystin bei Morgan Stanley, warnt davor, dass der Fokus der Anleger nun auf der Ratingagentur Moody’s liegen sollte. Moody’s bewertet Oracle derzeit mit “Baa2” bei einem negativen Ausblick. Ein “Fallen-Angel”-Risiko, also der Absturz auf Ramschstatus, sei zwar mittelfristig nicht unmittelbar akut, hänge jedoch stark von der erfolgreichen Monetarisierung der KI-Projekte ab. Im Gegensatz zu schuldenfreien Konkurrenten wie Alphabet hat Oracle kaum finanziellen Spielraum. Zudem wird kritisiert, dass Oracle sich von einem hochprofitablen Softwaregeschäft hin zu einer kapitalintensiven Infrastruktur-Sparte wandelt, was die operativen Margen kurzfristig belasten dürfte.
Trotz dieser Bilanzrisiken zeigt sich die Investmentbank Mizuho weiterhin äußerst optimistisch und bestätigt ein Kursziel von 320 US-Dollar für die Aktie. Auch ein Großteil der Sell-Side-Analysten hält an Kaufempfehlungen fest. Sie verweisen auf den gigantischen Auftragsbestand (RPO) von 638 Milliarden US-Dollar, der eine hohe Visibilität für zukünftige Umsätze bietet.
Das gestiegene Oracle Kreditrisiko zeigt deutlich, dass die aggressive Expansion im Bereich der künstlichen Intelligenz mit erheblichen finanziellen Gefahren erkauft wird. Für langfristig orientierte Anleger bietet die günstige Bewertung der Aktie zwar eine spannende Einstiegschance, doch die Schuldenlast darf nicht ignoriert werden. Die kommenden Quartalsberichte werden zeigen, ob Oracle die hohen Erwartungen erfüllen und die gigantischen KI-Investitionen erfolgreich in sprudelnde Cashflows verwandeln kann.
Wie beeinflusst das die Oracle Corporation-Aktie?
Das ‘Fallen-Angel’-Risiko ist nicht unmittelbar, insbesondere angesichts der Hebelwirkung durch Eigenkapital und vorzeitige Rückzahlungen, bleibt aber mittelfristig von der Umsetzung und Monetarisierung abhängig.— Lindsay Tyler, Morgan Stanley
Die aktuelle Entwicklung zeigt, wie eng die Zukunft des Tech-Konzerns mit seinen strategischen Allianzen verknüpft ist. Lesen Sie in unserem Beitrag über die Oracle Partnerschaften und Kursentwicklung, wie die riskante Milliarden-Offensive den jüngsten Kurssturz aufhalten soll. Wer hingegen nach Alternativen im Hardware-Sektor sucht, findet im Artikel über die AMD Aktie spannende Einblicke in den anhaltenden KI-Boom.



