Wie kann ein Markt, der eben noch in einer Rekordrallye war, innerhalb eines Tages um fast 30 % einbrechen? Der Silber Crash und Rekordrallye sorgen für den heftigsten Rückgang seit 1980 – doch was steckt wirklich hinter diesem brutalen Umschwung?

Silber Crash: Welche Faktoren treiben den Absturz?
Silber notiert aktuell bei 82,65 US‑Dollar je Feinunze, nach 114,04 US‑Dollar am Vortag – ein Rückgang von 27,52 % binnen eines Handelstages. Parallel rauschen auch die Terminkontrakte ab: Silber-Futures verlieren bis zu 31,4 % und verzeichnen den schlechtesten Tag seit März 1980. Damit beendet der Silber Crash abrupt eine Rekordrallye, in deren Verlauf der Preis im Jahr 2025 um rund 135 % nach oben geschossen war. Marktbeobachter sprechen von einem „Tag der Abrechnung“ für hoch gehebelte Wetten auf immer weiter steigende Edelmetallpreise.
Auslöser des Crashs ist vor allem eine abrupte Neubewertung von Zins- und Dollarerwartungen. Die Aussicht auf eine weniger stark geschwächte US‑Währung ließ den Dollarindex zuletzt um rund 0,8 % steigen und machte Edelmetalle für Investoren außerhalb des Dollarraums deutlich teurer. Gleichzeitig löste die Aussicht auf einen eher strafferen Kurs der US‑Notenbank eine Welle von Gewinnmitnahmen aus. In einem Markt, in dem viele Marktteilnehmer stark gehebelt positioniert waren, reichten erste Verkäufe, um Stop-Loss-Ketten und Margin Calls auszulösen – der klassische Mechanismus eines plötzlichen Ausverkaufs.
Silber Crash und Rekordrallye: Blase geplatzt?
Noch vor wenigen Tagen galt Silber als neuer Favorit vieler Privatanleger. Allein in den iShares‑Silber‑ETF flossen an einem Handelstag Ende Januar rund 171 Millionen US‑Dollar. Der Rohstoff profitierte von einem perfekten Mix aus Inflationsängsten, geopolitischen Spannungen und der Suche nach Alternativen zu klassischen Aktienanlagen. Zudem punktet Silber gegenüber Gold mit breiter industrieller Nutzung, etwa in Solarzellen und Elektronik, sowie mit seiner Einstufung als kritischer Rohstoff durch das US‑Innenministerium im November.
Doch genau diese Popularität verstärkte die Fallhöhe. Ähnlich wie bei stark gefragten Technologiewerten hatten sich die Positionen in Silber und Gold extrem konzentriert. Als die Rallye ins Stocken geriet, wurden Positionen panikartig abgebaut. Marktstrategen sprechen von einer „marktweiten Neubewertung des Konzentrationsrisikos“: Wenn zu viele Anleger in denselben Trade drängen, kann schon ein Stimmungsumschwung einen Silber Crash auslösen – selbst wenn sich an den langfristigen Fundamentaldaten wenig ändert.

Wie bewerten Citigroup & Co. den Silber Crash?
Analysten sind sich uneins, ob der Einbruch das Ende des Silber‑Hypes markiert oder eine überfällige Korrektur in einem intakten langfristigen Aufwärtstrend darstellt. Citigroup bleibt taktisch optimistisch und hatte jüngst ein kurzfristiges Kursziel von 150 US‑Dollar je Unze für die kommenden drei Monate ausgerufen. Die Analysten verweisen auf die historisch günstige Bewertung von Silber im Verhältnis zu Gold. Sollte das Gold‑Silber‑Verhältnis wie 2011 wieder in Richtung 32 fallen, wären Preise um 170 US‑Dollar pro Unze theoretisch möglich.
Deutlich vorsichtiger äußert sich dagegen Marko Kolanovic, der einen möglichen Halbierungseffekt bei Silber ins Spiel bringt und den aktuellen Boom mit früheren spekulativen Übertreibungen vergleicht. Michael WidmerSilber Crash in eine längere Seitwärtsphase oder sogar in einen ausgewachsenen Bärenmarkt münden können.
Silber Crash: Welche Chancen und Risiken für Anleger?
Für kurzfristig orientierte Trader ist der Silber Crash vor allem ein Warnsignal, wie riskant hohe Hebel in engen Märkten sein können. Der heftigste Tagesverlust seit 1980 zeigt, dass auch vermeintliche „sichere Häfen“ binnen Stunden zweistellige Verluste erleiden können. Gleichzeitig ist Silber historisch eng mit Gold korreliert und spiegelt dessen Bewegungen häufig verstärkt wider. Da auch Gold zeitweise um rund 9 % auf unter 4.900 US‑Dollar je Unze fiel, ist die Anpassung eher als sektorweite Bereinigung denn als isoliertes Silber‑Problem zu sehen.
Langfristig orientierte Investoren blicken eher auf strukturelle Treiber wie anhaltende Inflationsrisiken, geopolitische Konflikte und die zunehmende industrielle Nachfrage nach Silber in Zukunftstechnologien. Wer an diese Trends glaubt, könnte den Einbruch als Einstiegschance in Tranchen sehen, sollte aber die hohe Volatilität des Marktes einpreisen. Entscheidend wird sein, ob sich die Kurse rasch über der 80‑Dollar‑Marke stabilisieren und ob die Nachfrage institutioneller Investoren nach der Schockkorrektur zurückkehrt.
Moves with so much volatility are typically followed by corrections.— Michael Widmer, Bank of America
Unterm Strich markiert der Silber Crash einen brutalen, aber typischen Wendepunkt nach einer Übertreibungsphase: Für Anleger zählt jetzt ein disziplinierter Umgang mit Risiko sowie ein klarer Zeithorizont, um zwischen spekulativem Zock und langfristigem Investment zu unterscheiden. Wer die Fundamentaldaten im Blick behält und nicht dem Herdenverhalten folgt, kann von der erhöhten Volatilität künftig sogar profitieren.