Trotz beeindruckender Rekordumsätze und optimistischer Prognosen fällt die NVIDIA-Aktie – ist der KI-Boom bereits am Limit oder nur eine kurze Verschnaufpause?
NVIDIA Quartalszahlen übertreffen Erwartungen deutlich
NVIDIA hat im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Umsatz von 96,2 Milliarden US-Dollar erzielt, was einem Anstieg von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der bereinigte Gewinn je Aktie legte um 111 Prozent auf 2,22 US-Dollar zu. Diese beeindruckenden Zahlen übertrafen die Analystenschätzungen, die von einem Umsatz von 92,17 Milliarden US-Dollar und einem Gewinn von 2,10 US-Dollar je Aktie ausgingen. Besonders hervorzuheben ist das Rechenzentrumsgeschäft, dessen Umsatz um 117 Prozent auf 89 Milliarden US-Dollar stieg und damit den Löwenanteil der Einnahmen ausmacht.
Der Chiphersteller prognostiziert für das laufende dritte Quartal einen Umsatz von rund 108 Milliarden US-Dollar. Für das gesamte Geschäftsjahr 2028 stellte Finanzchefin Colette Kress ein Umsatzwachstum von etwa 70 Prozent in Aussicht, während der Markt lediglich mit rund 45 Prozent gerechnet hatte. Dieser „verblüffende“ Ausblick, wie Bernstein-Analyst Stacy Rasgon es nannte, befeuerte die Aktie und den gesamten Technologiesektor. Am Vortag stieg der Kurs von NVIDIA um 8,74 Prozent, was einem Zuwachs der Marktkapitalisierung von 442 Milliarden US-Dollar entsprach.
Herausforderungen und strategische Finanzierungsinitiativen
Trotz der glänzenden Zahlen sieht sich NVIDIA mit Herausforderungen konfrontiert. Die Bruttomarge, die im zweiten Quartal bei 75 Prozent lag, wird voraussichtlich im dritten Quartal auf 74 Prozent und im vierten Quartal auf 71 bis 72 Prozent sinken. Dies ist hauptsächlich auf die stark gestiegenen Kosten für High Bandwidth Memory (HBM) zurückzuführen, die inzwischen 30 bis 40 Prozent der Baukosten eines KI-Beschleunigers ausmachen. NVIDIA hat jedoch bereits Preisanpassungen für das Geschäftsjahr 2028 ausgehandelt, die eine Erholung der Margen auf 72 bis 73 Prozent erwarten lassen.
Ein weiterer Diskussionspunkt sind NVIDIAs Finanzierungsstrategien. Das Unternehmen hatte im Juli eine Initiative gestartet, die KI-Cloud-Anbietern Kreditunterstützung im Austausch für einen Anteil an zukünftigen Einnahmen bot. Berichte des Wall Street Journal legen nahe, dass NVIDIA diese Deals aufgrund möglicher kartellrechtlicher Bedenken und Kundenbeschwerden pausiert hat. PIMCO äußerte sich kritisch über die AI-Schuld-Finanzierung und warnte vor einer „zu viel, zu schnell“-Entwicklung. CFO Colette Kress wies diese Bedenken zurück und betonte, dass es sich um eine notwendige Unterstützung in einem sich wandelnden Computing-Plattform-Shift handele.
Analysten heben Kursziele an – Ist die Rallye nachhaltig?
Die positiven NVIDIA Quartalszahlen und der optimistische Ausblick haben Analysten dazu veranlasst, ihre Kursziele anzuheben. Goldman Sachs erhöhte sein Kursziel auf 300 US-Dollar, während JPMorgan 320 US-Dollar für möglich hält. Bernstein-Analyst Stacy Rasgon hob sein Kursziel sogar auf 400 US-Dollar an und betonte die „verblüffende“ Wachstumsprognose sowie die Sicherung der Lieferketten durch NVIDIAs Bilanzstärke. KeyBanc Capital Markets sieht die Nachfrage bis ins Jahr 2028 als robust an und hält an einem Kursziel von 330 US-Dollar fest.
Die Aktie von NVIDIA notiert aktuell bei 219,12 US-Dollar, nach einem Vortageskurs von 227,98 US-Dollar. Im vorbörslichen Handel zeigt sich eine leichte Konsolidierung, da einige Anleger Gewinne mitnehmen. Trotz der beeindruckenden Performance und der dominierenden Stellung im KI-Markt warnen einige Experten vor einer Überhitzung. Michael Burry, bekannt als „The Big Short“-Investor, hat seine Short-Wette gegen NVIDIA ausgebaut, während er gleichzeitig Call-Optionen zur Absicherung hält. Er befürchtet, dass hohe Investitionen später zu Gewinneinbrüchen führen könnten, auch wenn er kurzfristig keine Vorhersage trifft.
China-Geschäft und die Zukunft der KI-Infrastruktur
Das China-Geschäft bleibt für NVIDIA eine Unsicherheitsquelle. CFO Colette Kress erklärte, dass aufgrund geopolitischer Unsicherheiten keine Einnahmen aus dem Rechenzentrumsgeschäft in China in den Ausblick aufgenommen wurden. Obwohl eine begrenzte Anzahl von H200-Chips nach China verkauft wurde, bleibt die Lage unklar, und das Unternehmen muss sich mit einem Schwarzmarkt für Chips auseinandersetzen. Langfristig wäre der Zugang zum zweitgrößten KI-Markt entscheidend, um die globale Plattform für KI zu sein, wie Analyst Patrick Moorhead anmerkt.
Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur wird voraussichtlich bis weit ins Jahr 2027 und darüber hinaus anhalten. TrendForce prognostiziert, dass NVIDIAs Rack-Scale AI-Systeme im Jahr 2027 einen Output-Wert von über 710 Milliarden US-Dollar generieren werden. Die Auslieferungen von NVL72-Racks, einschließlich GB300- und Vera Rubin-Plattformen, sollen im Jahr 2027 um mehr als 50 Prozent steigen. Die „Vera Rubin“-Plattform, die auch CPUs umfasst, könnte NVIDIA zu einem führenden Anbieter im CPU-Markt für agentische KI machen und das Ökosystem um seine GPUs weiter stärken.
NVIDIA und der breitere Technologiemarkt
Die beeindruckenden Quartalsergebnisse von NVIDIA haben nicht nur die eigene Aktie beflügelt, sondern auch den gesamten Technologiesektor mitgezogen, wie der Artikel NVIDIA Quartalszahlen mit +4.8%: KI-Boom treibt Rekord-Umsatz und Aktie beleuchtet. Während NVIDIA die Latte hochlegt, zeigen sich auch in anderen Sektoren interessante Entwicklungen, wie der Artikel Dollar General Quartal: -3.6% trotz starker Zahlen und Analysten-Optimismus? aufzeigt, der die Performance von Dollar General trotz starker Zahlen hinterfragt.
Ein KI-Agent braucht 15- bis 100-mal mehr Rechenkraft als ein Mensch, der bisher die Aufgabe gelöst hat.— Jensen Huang
Die jüngsten NVIDIA Quartalszahlen unterstreichen die herausragende Stellung des Unternehmens im globalen KI-Markt und signalisieren eine anhaltende Nachfrage nach Hochleistungschips. Für Anleger bedeuten die übertroffenen Erwartungen und der optimistische Ausblick eine Bestätigung des Wachstumspotenzials, trotz kurzfristiger Margenherausforderungen. Die weitere Entwicklung der Finanzierungsstrategien und die Fähigkeit, die hohe Nachfrage zu bedienen, werden entscheidend für die zukünftige Kursentwicklung sein.




