Das Misstrauen zwischen Volkswagen-Vorstand und Arbeitnehmervertretern wächst – kann ein erneutes Überprüfungsgespräch den Konzern auf Kurs halten?
Volkswagen Überprüfungsgespräch in Hannover anberaumt
Der Termin steht fest: Am 30. September müssen sich die Wolfsburger zur Zukunft ihrer deutschen Standorte erklären. Das Treffen ist für den Vormittag in einem Hotel nahe des Messegeländes im Süden der niedersächsischen Landeshauptstadt anberaumt. Bislang waren Ort und Datum des wichtigen Gesprächs nicht bekannt. Klar war jedoch, dass die Zusammenkunft noch in diesem Quartal und damit bis Ende September stattfinden muss.
Weder Volkswagen, die IG Metall noch der Betriebsrat wollten sich auf Anfrage zu dem Termin äußern. IG Metall und Betriebsrat hatten Mitte September die sogenannte Revisionsklausel des Vertrags gezogen und damit das Gespräch erzwungen. Der Konzern hatte zuvor einen nochmals verschärften Sparkurs vorgestellt. Der Vertrag verpflichtet beide Seiten auf Antrag zu einem Überprüfungsgespräch. Dass ausgerechnet die Arbeitnehmervertreter das Instrument nutzen, zeigt, wie groß das Misstrauen von IG Metall und Betriebsrat gegenüber dem Vorstand inzwischen ist.
Die Verhandler von 2024 treffen sich erneut
Auf Gewerkschaftsseite wird unter anderem Thorsten Gröger erwartet, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Für die Arbeitnehmerseite dürfte Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo zum Gespräch nach Hannover kommen. Das Unternehmen wird vermutlich erneut von Arne Meiswinkel als Personalchef der Kernmarke vertreten. Damit treffen sich die Akteure, die schon den mühsamen Kompromiss von 2024 ausgehandelt hatten.
Damals ging es für die Beschäftigten um erhebliche Einschnitte. Eine in der Metall- und Elektroindustrie vereinbarte Entgelterhöhung wurde bei VW bis 2031 verschoben, hinzu kamen Kürzungen bei Sonderzahlungen und der Ergebnisbeteiligung. Im Gegenzug schloss Volkswagen betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2030 aus und vereinbarte Perspektiven für seine deutschen Standorte.
„Die Zugeständnisse der Belegschaft aus der Auseinandersetzung 2024 gab es nicht zum Nulltarif, sie wurden im Vertrauen auf die Zusagen gemacht“, sagte zuletzt Volkswagens Arbeitnehmerchefin Cavallo. „Deshalb erwarten wir, dass diese Vereinbarungen Bestand haben.“ Aus Sicht der Arbeitnehmerseite steht jedoch genau diese Gegenleistung des Unternehmens nun zur Debatte.
Der Sparkurs wird radikal verschärft
Der Autobauer steckt tief in der Krise. Das Management um Konzernchef Oliver Blume hat deshalb angekündigt, seinen bisherigen Sparkurs radikal zu verschärfen. Bis zu 60.000 Stellen im Konzern stehen zusätzlich infrage. 2024 hatte der Konzern bereits den sozialverträglichen Abbau von 50.000 Stellen beschlossen, 35.000 davon in der deutschen Volkswagen AG.
Auch sollen die Produktionskapazitäten in Europa um weitere 500.000 Fahrzeuge pro Jahr sinken. Für Emden, Zwickau und Hannover könne in der aktuellen Planung ab den Jahren 2031 bis 2034 keine „wettbewerbsfähige Folgebelegung“ gewährleistet werden, heißt es in einer Beschlussvorlage. Bis Ende Juni 2027 soll ein Konzept für die künftige Produktionsstruktur vorliegen. Auch das Audi-Werk Neckarsulm ist von der offenen Folgebelegung betroffen; es fällt allerdings nicht unter den Haustarif, um den es bei dem Gespräch geht.
Was wird aus den Zusagen für Emden, Hannover und Zwickau?
Aus Sicht der IG Metall ist der Zukunftstarifvertrag nicht ohne Weiteres kündbar. Insbesondere die Beschäftigungssicherung kann demnach frühestens Ende 2030 gekündigt werden. Am 30. September dürfte es deshalb vor allem darum gehen, zu welchen Zusagen aus der Einigung das Unternehmen weiterhin steht und was insbesondere aus den Vereinbarungen für die drei gefährdeten Werke wird.
Für Emden war 2024 neben dem ID.7 und dem überarbeiteten ID.4 die Entscheidung über ein weiteres Modell in Aussicht gestellt worden. In Hannover sollten unter anderem der ID. Buzz, der Multivan und die Space-Familie eine Perspektive bieten. Zwickau sollte Elektroautostandort bleiben und zusätzliche Aufgaben in der Kreislaufwirtschaft erhalten. Die Arbeitnehmervertreter wollen wissen, welche dieser Pläne noch gelten und womit wegfallende Belegung ersetzt werden soll.
Der Konzern verweist auf ein verändertes wirtschaftliches Umfeld und hält weitere Einsparungen für nötig. Erst kürzlich hatte er seine Prognose für das laufende Jahr aufgrund mehrerer Sondereffekte kassieren müssen. Aus Sicht der IG Metall waren zentrale Risiken, etwa der schwächere europäische Automarkt und die Probleme in China, schon beim Abschluss 2024 bekannt.
Gerichtsurteil belastet zusätzlich
Parallel zum Tarifstreit muss sich der Autobauer mit einem weiteren Rückschlag befassen. Das Landesarbeitsgericht Braunschweig verurteilte das Unternehmen am Mittwoch, einem gekündigten Manager rund 200.000 Euro zu zahlen. Mit der konkreten Entscheidung soll der Konzern die Differenz zwischen fristloser und ordentlicher Kündigung nachzahlen. Die Forderung des Unternehmens, etwa 380.000 Euro Anwaltskosten erstattet zu bekommen, wies das Gericht ab.
Kündigungsgrund war nach Konzernangaben der Vorwurf, interne Revisionsberichte zu den Modellen Crafter und Grand California unbefugt an Medien und öffentliche Stellen abgegeben zu haben. Die Kläger berufen sich auf das Hinweisgeberschutzgesetz. Ein Sprecher kündigte an, dass der Konzern weitere rechtliche Möglichkeiten prüfe.
Wie reagiert die Aktie auf die Zuspitzung?
Die Volkswagen Vorzugsaktie (VOW3) notierte zuletzt bei 72,94 Euro und damit rund drei Prozent unter dem Vortagesschluss von 75,22 Euro. Die Anpassung der Jahresziele hatte bereits für ein weiteres Kursbeben gesorgt. Charttechnisch ist die Aktie auf einen eminent wichtigen Kursbereich zurückgeworfen worden. Ein Bruch dieser Unterstützung hätte fatale Folgen und könnte das nächste Kursbeben lostreten – ein erfolgreicher Test könnte dagegen die Basis für eine Erholungsrallye legen.
Eine Einigung ist durch das Überprüfungsgespräch noch lange nicht ausgemacht. Kommen die Tarifparteien nicht zu einem gemeinsamen Ergebnis, können sie nach der Revisionsklausel eine Schlichtungsstelle anrufen.
Autozulieferer und Hersteller unter Druck
Während Volkswagen mit seinem Zukunftstarifvertrag ringt, zeigt sich auch bei anderen Akteuren der Branche, wie volatil das Umfeld derzeit ist. So sorgte AutoZone mit überraschend starken Quartalszahlen und einem Umsatzplus von 5,5 Prozent für Aufsehen – trotz vorsichtiger Prognosen. Die Reaktion der Anleger macht deutlich, wie sensibel der Markt auf Signale aus der Autoindustrie reagiert.
Die Zugeständnisse der Belegschaft aus der Auseinandersetzung 2024 gab es nicht zum Nulltarif, sie wurden im Vertrauen auf die Zusagen gemacht. Deshalb erwarten wir, dass diese Vereinbarungen Bestand haben.— Daniela Cavallo, Konzernbetriebsratschefin Volkswagen
Das Überprüfungsgespräch am 30. September wird zur Nagelprobe für den Zukunftstarifvertrag und die deutschen Standorte Emden, Hannover und Zwickau. Für Anleger bedeutet die Zuspitzung zwischen Vorstand und Belegschaft ein erhebliches Risiko, das sich im jüngsten Kursrückgang auf 72,94 Euro widerspiegelt. Ob eine Einigung gelingt oder eine Schlichtungsstelle angerufen wird, dürfte die Richtung der Aktie in den kommenden Wochen maßgeblich bestimmen.




