Wechselt Goldman Sachs jetzt wirklich von Chip-Gewinnern zu den stillen KI-Profiteuren?
Warum wechseln Goldman Sachs Strategen vom Chip-Trade?
Die jüngste Kurskorrektur bei Halbleiteraktien – darunter NVIDIA, Advanced Micro Devices und Intel – hat bei Goldman Sachs eine strategische Neubewertung ausgelöst. Christian Mueller-Glissmann, Leiter der Asset-Allocation-Forschung, betont im Bloomberg-Interview: „Diese sind unglaublich zyklische Unternehmen.“ Seine Aussage zielt auf die hohe Sensitivität der Chiphersteller gegenüber Kapazitätszyklen, Kundenbestellungen und technologischen Sprüngen ab. Während die KI-Infrastruktur weiter wächst, verliert der Chip-Boom an Momentum – und mit ihm die Attraktivität als alleiniges KI-Investment. Mueller-Glissmann sieht hier eine klare Risikoverlagerung: Die Gewinne aus KI-Investitionen sind zwar real, doch die Volatilität der zugrundeliegenden Aktien nimmt zu – besonders durch ETFs und Optionen.
Was bedeutet das für die Goldman Sachs KI-Strategie?
Die Goldman Sachs KI-Strategie legt nun explizit den Fokus auf diejenigen Unternehmen, die die KI-Infrastruktur langfristig betreiben: Hyperscaler wie Meta, Microsoft und Google-Mutter Alphabet. Diese profitieren von steigenden Cloud-Umsätzen, langfristigen Verträgen mit Rechenzentren und stabilen Cashflows – im Gegensatz zu den kapitalintensiven, zyklischen Halbleiterherstellern. Mueller-Glissmann spricht von einem „Goldilocks-Spektrum“: sinkende Inflationserwartungen, robustes Gewinnwachstum und ein moderater Risikoappetit. Doch gerade diese Stimmung erhöhe die Wahrscheinlichkeit von Korrekturen – besonders bei überpositionierten Segmenten wie den Chipaktien.
Wie steht es um die IPO-Dynamik und KI-Finanzierung?
Parallel zur Neuausrichtung der Goldman Sachs KI-Strategie analysiert das Haus auch den US-IPO-Markt – ein weiterer Treiber der KI-Investitionen. Ben Snider, Chief U.S. Equity Strategist bei Goldman Sachs, bestätigt im Exchanges-Podcast: Die IPO-Aktivität hat sich 2026 verdoppelt – mit über 50 Börsengängen und einem Volumen von 120 Milliarden Dollar bereits zur Halbzeit des Jahres. Doch Snider betont: „Wir sind weit entfernt von der Euphorie der Dotcom-Ära.“ Die aktuelle Dynamik sei eher ein „normaler Erholungsprozess“, getragen von Großunternehmen wie SpaceX, Coreweave und Figma – alle mit massiven KI-Investitionsplänen. Der Fokus liegt klar auf Kapitalbeschaffung für Rechenzentren, nicht auf Spekulation mit Chip-Lieferketten.
Wie reagiert der Markt auf die neue Ausrichtung?
Der Kurs der Goldman Sachs Group, Inc. (GS) fiel am Freitag um 3,19 Prozent auf 1.032,44 Dollar – ein deutliches Signal für Umlenkung im Finanzsektor. Zwar war die Bank während der Sitzung zeitweise stark gestiegen, doch die Korrektur am Ende unterstreicht die Nervosität angesichts der strategischen Kurskorrektur. Auch andere Banken folgen dem Trend: Morgan Stanley und JP Morgan sind ebenso bei der Platzierung von KI-lastigen IPOs aktiv – doch Goldman Sachs ist der einzige, der die strategische Abkehr vom Chip-Trade jetzt öffentlich kommuniziert. Die jüngste Entscheidung von Bank of America, auf defensive Aktien zu setzen, verstärkt den Eindruck einer breiteren Marktkorrektur im KI-Bereich – allerdings ohne die klare, datenbasierte Fundamentalanalyse, die Mueller-Glissmann und Snider liefern.
Diese sind unglaublich zyklische Unternehmen. So zu einem gewissen Grad könnte es sinnvoll sein, ein bisschen von ihnen abzurücken.— Christian Mueller-Glissmann
Die Goldman Sachs KI-Strategie ist damit keine kurzfristige Wette, sondern eine strukturelle Anpassung an die Reifung des KI-Marktes: weg von der Hardware, hin zur Software- und Infrastruktur-Verwertung. Für Anleger bedeutet das, dass KI nicht mehr als monolithisches Thema behandelt wird – sondern als ein Spektrum mit unterschiedlichen Risikoprofilen. Die jüngste Kursentwicklung bei GS unterstreicht, dass die Bank selbst diese Neuausrichtung mit Nachdruck lebt – und nicht nur empfiehlt.




